Lernen Älterer in der öffentlichen Verwaltung mit Web 2.0

2744gross In den letzten 2 Jahren (Juni 2010 bis Juni 2012) habe ich das Projekt „Erfahren ins Netz 2.0“ begleitet. Das Projekt hatte mich damals aufgrund seiner heraufordernden Zielsetzung gereizt: Das Lernen älterer Beschäftiger in der öffentlichen Verwaltung mit Web 2.0 zu unterstützen und ihnen die neuen Möglichkeiten von Social Media näher zu bringen. Die öffentliche Verwaltung ist nicht gerade bekannt als Early Adopter neuer Technologien und auch ältere Arbeitnehmer gehören nicht zu den Vorreitern des Web 2.0. Warum also diese Thematik? Zum einen könnte man genau aus den genannten Gründen sagen, dass es wichtig ist gerade diese Zielgruppe mit Web 2.0 vertraut zu machen. Die eigentliche Begründung ergibt sich aber daraus, dass der Web 2.0 für die öffentliche Verwaltung eine zunehmend wichtigere Rolle spielt (Stichwort eGovernment) und gleichzeitig der Altersdurchschnitt in der öffentlichen Verwaltung (in Vergleich zu unternehmen) besonders hoch ist.

Das konkrete Ziel des Projekts war es, ältere Mitarbeiter/innen im Umgang mit Web 2.0 zu schulen und die Methoden und Rahmenbedingungen für den Kompetenzerwerb und die Umsetzung von Web 2.0-Projekten in der öffentlichen Verwaltung zu analysieren. In diesem Zusammenhang war es auch notwendig, den aktuellen Stand der Forschung aufzuarbeiten. Die Abschlusspublikation, die nun erschienen ist, behandelt genau diese beiden Bereiche: Im ersten Teil werden die Themenfelder „ältere Arbeitnehmer“, „öffentliche Verwaltung“ und „Web 2.0“ beleuchtet und in Verbindung gebracht. Im zweiten Teil werden die Ergebnisse aus dem Projekt dargestellt. Dadurch ergibt sich sowohl ein eher theoretischer und ein eher praktischer Blick auf die Gesamtthematik.

Von besonderer Bedeutung, so hat das Projekt gezeigt, ist nicht das Alter, sondern eher die vorherrschenden Altersbilder und Rahmenbedingungen. Es gibt viele erfolgreiche Beispiele für den Einsatz von Web 2.0 in der öffentlichen Verwaltung und auch ältere Mitarbeiter/innen sind nicht weniger in der Lage Web 2.0 zu nutzen als Jüngere. Was eher fehlt ist ein Zutrauen in die ältere Generation. Die größten Hindernisse im Projekt waren  die Rahmenbedingungen in der Verwaltung, wie mangelnde Zeit/fehlende Ressourcen und andere Prioritätensetzungen.

Um die Chancen von Web 2.0 auch in der öffentlichen Verwaltung zu nutzen, wird kein Weg an älteren Mitarbeiter/innen vorbeigehen. Die hier angesprochene Thematik ist daher von hoher praktischer Relevanz. Das Buch lohnt sich daher sowohl für Praktiker, insb. Personalentwickler in der öffentlichen Verwaltung, als auch Wissenschaftler, die den Wandel in der öffentlichen Verwaltung begleiten wollen.

Schewe, R. & Rohs, M. (Hrsg.) (2013). Erfahren ins Netz 2.0: Lernen älterer Beschäftigter mit Web 2.0 in der öffentlichen Verwaltung. Münster: Waxmann Verlag. (Inhaltsverzeichnis)

Plagiarism – auch in den USA ein Thema

Wie im letzen Beitrag versprochen 😉

Wirft man einen Blick in die neue Chronicle of Higher Education, findet man gleich auf der ersten Seite einen Bericht über Plagiat. Anlass waren Ergebnisse einer groß angelegten Studie – The Citation Project. Es untersuchte national 147 Paper aus 16 Colleges und Universitäten hinsichtlich der Zitation. Hier ein paar Zahlen (Quelle: Chronicle of Higher Education, A 14, eig. Übersetzung):

  • 46% aller Zitationen, die Studierende machen, sind von der ersten Seite einer Publikation, 23% von der zweiten Seite
  • 77% aller Zitationen sind von den ersten drei Seiten einer Quelle, egal, ob diese Quelle 3 oder 400 Seiten umfasst
  • 9% aller Zitationen sind bis Seite 8 einer Quelle oder davor.

Von den 1911 Quellen, die Studierende nutzten, waren 4% kopiert und zitiert aber nicht als Zitat einer Quelle vermerkt, 42% waren kopiert und als Quelle markiert, 16% waren „patchwritten“, 32% paraphrasiert und 6% zusammengefasst. „They pull „killer quotes“ rather than engage with the overall argument“. Der Artikel um diese Quelle schildert dann verschiedene Möglichkeiten, mit Plagiaten im Unterricht umzugehen; von angemessenen Aufgabenstellungen bis hin zum Bereitstellen von Plagiatssoftware auch für Studierende, wie es hier in Deutschland beispielsweise durch Eleonora Kohl (Quelle) gemacht wird. So lautet die Werbung dann auch für diesen Service: „for a base price of 7 Dollar per paper, students can vet ther work against the same databases professors use with Turnitin“ (S. A13).

Ich muss sagen, ich finde dieses Vorgehen immer noch gewöhnungsbedürftig. Klar, kann es als Anreiz genommen werden, zusammen über Zitation zu sprechen, aber wenn Studierende ein Paper so lange bearbeiten können, bis die Software es nicht mehr anzeigt, finde ich es mehr als fraglich. Schliesslich geht es m.E. nach beim wissenschaftlichen Schreiben um einen Prozess, der von der Idee und der Argumentation her kommt, und nicht vom Umschreiben für eine Software gesteuert werden  sollte. So streicht auch der Artikel heraus: „Using Turnitin, students work on a paper until it is „in their own words, or in quotation, or cited.“ So schlägt auch die Autorin des oben genannten Forschungsprojekts vor: „Professors should focus more on starting the research process collaboratively with students, she says. They should select a few complex sources and explore them with the whole class“ (A14).

Eine Tatsache zeichnet aber die amerikanische Diskussion im Gegensatz zur deutschen aus: Professoren scheinen Facebook und Twitter als Quelle zu genehmigen (vgl. A 14, Zitation von Twitter mit RT für retweet), und im Artikel werden viele Blogpostings von Professorinnen und Professoren erwähnt – hier herrscht in Deutschland doch eine andere Kultur vor 😉

Chomsky und die Kompetenz

Noam Chomsky ist zu zwei Vorlesungen an der Universität Köln. Mal sehen, ob er auch auf die (linguistic) competence eingeht. Schön wäre es ja, obwohl es dieses Anlasses zur Auseinandersetzung mit dem Kompetenzbegriff  wohl nicht bedarf. Auf der einen Seite mag man den Begriff nicht mehr hören, auf der anderen Seite ist er so zentral in der aktuellen Bildungs!diskussion, dass man einfach nicht umhinkommt. Die Problematik besteht dabei – nach wie vor  – darin, dass es, ähnlich wie beim „informellen Lernen“, keine einheitliche Begriffsdefinition gibt/geben kann. Weiterhin ist der Begriff oft zu wenig durchdrungen bzw. hinterfragt. Das trifft sowohl für Unternehmen zu, in denen der Begriff mit unterschiedlichster Konotation verwendet wird – was zu entsprechenden Problemen in der Vereinheitlichung der damit verbundenen Instrumente führt – als auch für die Wissenschaft, in der man auch oft den Eindruck gewinnen kann, dass bekannte Argumentationmuster und Referenzen kritiklos übernommen werden. Die Definitionen hören sich (oberflächlich) betrachtet auch alle ähnlich und schlüssig an und Differenzen erscheinen (manchmal) marginal. Verführung und Verführbarkeit ergänzen sich hier wunderbar.

Wenn es nicht auch praktisch so bedeutsam wäre, könnte ich mich leicht damit abfinden – es gibt ja viele Beispiele dafür, wie ein Begriff durch seine Popularität an Schärfe verliert. Im Rahmen der Kompetenzerfassung wird das Verständnis von Kompetenz dann (logisch) sehr wichtig und eine Auseinandersetzung unumgänglich (sehr lesenswert dazu auch Kaufhold 2006). Wissenschaftliche „Grabenkämpfe“ sind (zumindest in der beruflichen Bildung) die Folge.

Ich will diese Debatte hier nicht ausführen, dazu gibt es reichlich Literatur und jeder mag sich sein Teil denken, was wie zu messen oder zu bewerten ist. Ich habe in letzter Zeit viel dazu gelesen, wobei mich aber ein Artikel von Matthias Vonken besonders zum Nachdenken angeregt hat (Vonken 2011). Darin betont er, dass dem Begriff der Kompetenz, dem im Gegensatz zur funktionalen! „Qualifikation“ die „Persönlichkeitsentwicklung“ ins Stammbuch geschrieben wurde, sich immer mehr von dieser Komponente wegbewegt, „hin zu einem Konglomerat von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Persönlichkeitseigenschaften, die einen ausgesprochen deutlichen Verwertungsaspekt besitzen.“ (Vonken 2011, S. 22). Darüber wäre gerade in Hinblick auf die allseits abgenickte Bedeutung personaler Kompetenzen (siehe nur Finanzkrise) und der allgemeinen Befähigung zum Umgang mit Unsicherheit noch mal nachzudenken.

Vonken versteht Kompetenz  „als etwas, das zur kreativen Benutzung eines umfangreichen Handlungsregelwerks befähigt, um mit sich ändernden Verhältnissen umzugehen … Bei Chomsky war das lediglich auf Sprache bezogen. Sprachkompetenz bedeutet die Verfügung über ein grammatisches Regelwerk zur Erzeugung vielfältiger Sprache und zur Reaktion auf vielfältige Sprechaktangebote. Auf Handeln übertragen heißt das, dass Kompetenz die Erzeugung kreativer Handlungen begründet und das Bewältigen unsicherer bzw. unbekannter Situationen, also Aktion und Reaktion im Bereich des Handelns.“ (ebd., S. 30).

… und amit sind wir auch wieder bei Chomsky angelangt.

 

Literatur

Kaufhold, M. (2006). Kompetenz und Kompetenzerfassung. Analyse und Beurteilung von Verfahren der Kompetenzerfassung. VS Verlag: Wiesbaden.

Vonken, M. (2011). Kritische Anmerkungen zum Kompetenzbegriff. In: Bethschneider, M., Höhns, G. & Münchhausen, G. (Hrsg.), Kompetenzorientierung in der beruflichen Bildung (S. 21-32). W. Bertelsmann Verlag: Bielefeld.