Science 2.0 – Wissenschaft auf dem Holzweg?

Ich probiere jetzt schon seit geraumer Zeit eine nicht irrelevante Anzahl an Web 2.0-Tools aus, um mich mit Wissenschaftler/innen aus aller Welt zu vernetzen, Informationen über spannenden Publikationen und Projekte zu bekommen und auch um zu sehen, was anderswo diskutiert wird.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion zur Kommentarkultur kann ich nur sagen, dass meine Erfahrungen mit dem Informellen Blog schon ziemlich das treffen, was Schulmeister analysiert hat. Wenig Kommentare, wenig Diskussion, wenig neue Erkenntnisse – ausser vielleicht aus der Selbstreflexion. Im Gegensatz zum Headz-Blog ist mein Anspruch beim informellen Blog schon „wissenschaftlicher“, was immer das ist. Mehr Diskussionen von Publikationen und Vorstellung von Projekte und Konzepten, weniger Befindlichkeiten. Diese „nüchterne“ Darstellung und der Fakt, dass wohl ein Grossteil dieser Wissenschafts-Community nicht so viel mit dem Netz anfangen kann, ist wohl auch der Grund für die dürftige Kommunikation. Vielleicht ist es auch einigen zu öffentlich, ich weiss es nicht. Aber dazu wollte ich an anderer Stelle noch mal weiter ausholen.

Punkt zwei wären Research Networks, von denen es mittlerweile auch eine ganze Reihe gibt. Ob Academia, Research Gate, Mendeley, ResearchID, Scholarz und andere. Ich habe mich brav eingetragen, mein Profil gefüllt und Kontakte gesucht. Den einen oder anderen findet man dann auch – aber mit denen ist man auch über mindestens 10 weitere Networks verbunden. Im Verhältnis zum Aufwand bringt es also nichts. Zumindest bisher, wenn man die Hoffnung hegt, das es nur eine Frage der Zeit ist, bis a) genügend Wissenschaftler dort vertreten sind und b) es damit auch notwendig wird, dort vertreten zu sein. Ich will damit nicht sagen, dass die ganze Web 2.0-Sache in der Wissenschaft nichts bringt. Es gibt schon interessante Anwendungen, wie zum Beispiel wikigenes und auch Mendeley und Scholarz und all die anderen Netzwerke könnten sicherlich einen Mehrwert bringen – allein sie tun es nicht.

Und nun kommt also noch ScienceFeed und ich frage mich: Was bringts? Auch wenn ich wirklich an die Potentiale glauben will (siehe Herwig et al. 2009), sagt mir meine Erfahrung, dass wissenschaftlicher Austausch für mich immer noch grösstenteils asynchron über Artikel erfolgt. Ich finde dies auch nicht den schlechtesten Weg, auch wenn ich Schulmeister zustimmen muss, dass es viel zu wenige Rezensionen gibt.

Was lässt sich nun zwischen Kaffee und Kuchen resümieren: Meine Erfahrungen mit Web 2.o stimmen mit dem überein, was hier geschrieben steht: Es bringt wenig. Aber es macht auch Spass und Potentiale sind zu erkennen. Vor allem als Ergänzung zu bestehenden Formen des wissenschaftlichen Diskurses im ad hoc-Austausch und der Informationsdistribution. Mittlerweile habe ich kaum noch Verständnis für Sammelmails nach dem Motto „Ich möchte sie gerne auf meine aktuelle Publikation hinweisen ….“ Meine Vermutung ist jedoch, dass Wissenschaftskommunikation im Web 2.0 in der Breite strukturell bedingt eher oberflächlich sein muss. Aufgrund der Tatsache, dass sich die wissenschaftliche Diskussion immer weiter verästelt und man in Spezialbereichen kaum noch eine Hand voll Diskussionspartner findet, macht es wenig Sinn, sich Online zu vernetzen. Man kennt sich ja eh schon und trifft sich alle Nase lang bei Kongressen und Sitzungen. Und ob ich diesen Kollegen nun meine aktuellsten Gedanken gleich auf die Nase binden will … nun ja, zumindest sind Argumente vorstellbar, die dagegen sprechen würden.

Die Entwicklung wird wohl dahingehen, dass sich die Tools spezialisieren um zum einen auf die fachlichen Bedürfnisse einzugehen und zum anderen es wahrscheinlicher zu machen, dass man interessante Ansprechpartner findet. Dies ist auch deutlich bei den Social Networks zu sehen. Und wer es selbst mal ausprobieren will, hier (m)eine Auswahl ….

Reasearch Social Networks

Academia – Spannend finde ich hier vor allem die visuelle Darstellung des Netzwerks. Doch wie ist es eigentlich mit Personen, die keiner Forschungseinrichtung angehören?

Academici -Das erste Netzwerk, in dem ich drin war.

Mendeley – Mehr Literaturverwaltung und -austausch als Netzwerk. Stark frequentiert von Biologen und Informatikern. Hier ein Teil meiner Bibliothek zum informellen Lernen.

Nature Network – Eines der etabliertesten Netzwerke.

ResearcherID – Der Fokus liegt auf der Erfassung von Publikationen, siehe auch hier

Research Gate – Mit ca. 250.000 Nutzern das wohl grösste Netzwerk.

Research.iversity – Spannendes Kollaborations-Tool, dass ich aber noch nicht weiter ausprobiert habe.

Scholarz – Steht ein wenig im eigenen Schatten.

SciLInk – Das habe ich mal nicht probiert.

Lalisio – Nach eigener Auskunft, das „führende Wissensnetzwerk“ – sicherlich eine Frage des Blickwinkels.

BiomedExperts – Das ist für mich eine der angesprochenen Spezialisierungen, die es sicherlich in Zukunft mehr geben wird.

OpenWetWare – Ebenfalls ein fachspezifisches Netzwerk für Biologen.

6 comments

  1. Hallo Matthias

    Mein Arbeitsschwerpunkt liegt zwar nicht primär in der Forschung, sondern vorwiegend in der praktischen Lehre und Weiterbildung. Trotzdem habe ich für mich gelernt, dass der Mehrwert von Web 2.0 sich nicht nicht immer so offensichtlich und schnell einstellt, wie ich es mir manchmal wünschen würde. Auch mich plagen immer wieder Zweifel betreffend Aufwand und Ertrag. Es sind jedoch die kleinen Schritte, die zählen! Überlege dir doch mal, wie es wäre ohne: Du würdest dann einsam in deinem Büro Publikationen lesen und dann Selbstgespräche mit deinen Gedanken führen oder dich mit einem Leidensgenossen austauschen, der dir aber im Moment nicht folgen kann, da er in einem ganz anderen Gedanken- und Arbeitsprozess steckt.

    Dass ich Dank Web 2.0 die Gedanken, Ideen, Reflexionen von dir und Mandy sowie von zig weiteren Personen in diesem Moment mitverfolgen kann, ist ein deutlicher Mehrwert für micht und umgekehrt auch für die Community. Dass dann an Tagungen genügend Zeit bleibt, sich für die wichtigen Dinge im Leben (Familie, Worklife-Balance, etc.) face-to-face auszutauschen, empfinde ich als persönlichen Gewinn. Und manchmal erhält man Dank seines Weblogs sogar eine Einladung nach Weissrussland 🙂

    Dass Web 2.0 besonders in der Wissenschaft einen schweren Stand hat, liegt m.E. daran, dass hier die Anerkennung primär beim Zitiert werden von Publikationen liegt – sprich der Gewinn in der Forschung ist primär ein auf das Individuum bezogener, persönlicher. Weshalb sollte ich als Wissenschaftler/in in den intensiven Gedankenaustausch mit anderen treten, wenn einerseits die Gefahr besteht, dass mir andere meine Ideen, Konzepte und dgl. für Projektanträge und Publikationen „klauen“ und ich mit dem Publizieren im Social Web doch nur Zeit für meine Promotion und dgl. verliere – kommt dir das bekannt vor ?! Glücklichweise sehen das aber viele Wissenschaftler/innen mittlerweile anders. Ab dem Moment, wo beispielsweise ein Wikipedia-Eintrag oder ein viel beachteter Weblog oder eine zitiertes Delicio.us-Sammlung bzw. ein Trendmacher im Twitterversum den gleichen Status erhält, wie eine Publikation – die sowieso meistens nur eine Handvoll Gleichgesinnter lesen – dann sähe die Sache wohl ganz anders aus. Solange an Hochschulen und Universitäten aber nur die alten Wertesysteme in der Wissenschaft etwas zählen, wird es Web 2.0 eher schwer haben. Und genau das scheint mir, hat Schulmeister nicht wirklich begriffen – nämlich dass sich dieses Wertsystem mit dem Web 2.0 auch in der Wissenschaft langsam verändert. Nur die Wissenschaft 1.0 hinkt diesem Prozess hinten nach – oder hast du schon mal gehört, dass eine Akademikerin/ein Akademiker für seine Aktivitäten im Web 2.0 bei einer Anstellung bevorzugt wurde?! Trotzdem hoffe ich, dass du weiterhin Lust hast, dich auf dem Pfad „Wissenschaft 2.0“ zu bewegen – wir brauchen dich! Ja, die Wissenschaft ist definitiv (noch) auf dem Holzweg!

  2. Lieber Martin

    Vielen Dank für Deinen langen Kommentar, der mich zum Nachdenken angeregt hat – und damit auch zeigt, dass Gedankenaustausch im Web möglich ist und Lernprozesse angeregt werden 😉 Das wollte ich auch nicht bezweifeln und Du hast ohne Einschränkungen recht, dass mir ohne dies Austausch etwas fehlen würde. Ich bezweifel auch nicht die Möglichkeiten und das Potential, das – leider viel zu selten – sichtbar wird. Vielleicht sind es auch nur die Erwartungen, die man an diesem Austausch hat, und die (zumindest teilweise) enttäuscht wurden. So verwundert mich nicht, dass man über ein Thema wie „Web 2.0 und Wissenschaft“ sehr gut im Web diskutieren und Sichtweisen austauschen kann – und dies auf der Ebene eines Gesprächs, wie wir es vielleicht auch auf einer Tagung führen könnten. Da wir uns aber gerade nicht auf einer Tagung sehen, ist dies einerseits eine sehr gute Möglichkeit, dieses Gespräch zu führen und andere daran zu beteiligen. Andererseits ist es – aus meiner bescheidenen Erfahrung heraus – schwierig, dieses Gespräch über andere Themen anzustossen, wie „Methoden zur Erfassung informellen Lernens“ oder vielleicht „Empirische Befunde zu Ursachen für Schulverweigerung“ … wahrscheinlich gibt es genau dazu jetzt was 😉 – aber ich hoffe Du kannst Dir vorstellen was ich meine. Das ist/war vielleicht eine überzogene Erwartung und bildet sicherlich auch nicht das ab, was als Flurgespräch auf einer Tagung laufen würde. Und von dieser Vorstellung muss man/ich mich vielleicht verabschieden. Das heisst nicht, dass es dies auch gibt, aber es ist nicht die Regel. Ich überfliege regelmässig ca. 30-35 Blogs, die für das informelle Lernen relevant sind, habe einge Suchanfragen zu diesem Thema abonniert und von allem was aus dem Netz kommt, sind weniger als 10% für mich interessant – um nicht zu sagen relevant. Ein Drittel bis zur Hälfte der Beiträge sind meines Erachtens sogar inhaltlich höchst fragwürdig.
    Ich habe durchaus noch die Hoffnung, dass sich das ändern wird und mit der im Beitrag angsprochenen Spezialisierung wird vielleicht auch jeder für seinen Anspruch und sein Thema eine Gruppe finden.
    Vielleicht sollte ich dabei noch mal betonen, dass es mir nicht um Wertungen geht, sondern nur um die Frage von Erwartung und Realität und hier sehe ich eine Lücke. Insbesondere bei den Research Social Networks. Für mich bedeutet mein persönliches Resümee auch nicht, dass ich auf den Austausch im Netz verzichten möchte, sondern lediglich, dass diese Form für bestimmte Ziele nicht geeignet ist. Auch plädiere ich nicht dafür den Austausch über Artikel und Rezensionen zu führen. Momentan scheint mir dies aber für bestimmte Bereiche der Wissenschaft (noch?) Erfolgversprechender – für den Erkenntnisgewinn, das wäre mir wichtig. Für die Karriere aber sicherlich auch.
    Ich stimme Dir in vielen Deiner Punkte zu und plädiere entschieden für mehr Offenheit und Kommunikation über Forschungsergebnisse im Netz. Es muss aber genau geschaut werden, was funktioniert und erfolgversprechend ist. Und an dieser Stelle befinden wir uns irgendwo zwischen Experimentierstatus und der Reflexion erster Erfahrungen. Und Letzteres war das Ziel meines Beitrags.

  3. Ich glaube die Sache braucht ganz einfach seine Zeit. Wir unterschätzen als neo- und technophile Menschen den Graben der zwischen uns und den neophoben Menschen liegt, wobei das schon wieder eine unfaire Wertung impliziert.

    Es gibt de facto Menschen mit völlig anderen Kommunikationsverhaltensweisen. Sie sind beispielsweise eher verbal orientiert, sprich Vieltelefonierer (bsp. mein Chef und Präsident an unserer Hochschule), die mit digitaler Schriftkommunikation wirklich wenig anfangen können (so wie umgekehrt Vielschreiber es bei der verbalen Kommunikation vielleicht empfinden). Natürlich müssen/sollten Wisenschaftler viel schreiben/publizieren, aber das heißt nicht, dass sie dies in der Regel auch voller Freude außerhalb ihrer Pflicht, also in virtuellen Diskussionsszenarien tun. 🙂

    Punkt 2 ist sicherlich noch die große Angst vor der Transparenz im Web2.0. Was bei vielen Unternehmen so laaangsam ankommt, hat sich in der Wissenschaftscommunity noch nicht wirklich angedockt. Man fürchtet um Urheberrechtsverletzung, öffentliche Fehler oder sonstiges ungewünschtes Feedback. Überhaupt besteht die Angst sich zum gläsernen Menschen zu machen und versteht im Gegensatz dazu noch nicht wirklich die Vorzüge dieser Transparenz, bzw. stuft sie nicht als entsprechend wertig ein.

    Die Gründe sind also vielfältiger Natur und das einzige was man da machen kann ist „dran bleiben“ und weiterhin möglichst viele Menschen im gewünschten Umfeld überzeugen und begeistern. Auf alle fälle darf man seine Geduld nicht verlieren. Und es bewegt sich doch!

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