Sinn und Unsinn von Twitter

Nun probiere ich schon seit geraumer Zeit twitter aus, und nun möchte ich mal für mich ein Zwischenfazit ziehen. Irgendwie ging es mir wie den meisten: man ist zuerst skeptisch, aber dabei. Und es ist durchaus spannend, wen man alles auf Twitter trifft: von Professoren über Studierende, Referendare bis hin zu Organisationen. Es hat den Anschein, jede/r ist dabei. Es gibt zwischenzeitlich einen richtigen run, die Mailbox liefert fast täglich neue Follower.

Doch immer öfter stolpere ich über die These, Twitter sei ein Tool zum lernen, nicht zuletzt bekräftigt durch Blogbeiträge wie diese.

Doch ist dies wirklich Lernen? Und: was ist sinnvoll, was ist unsinnig bei der Nutzung von Twitter? Ich möchte versuchen, meine Gedanken dazu hier einmal „zu Papier“ zu bringen.

Ich denke schon, dass Twitter Potenzial vor allem für informelles Lernen hat, jedoch weit weniger, als es meist sugeriert wird. Martin und ich haben uns schon im Vergleich zum jetzigen Run früh mit Microblogging auseinandergesetzt und eine E-Learning Community gegründet. Das Paper dazu findet sich hier. Dennoch war mir bis anhin der Sinn von Twitter nicht wirklich klar. Warum muss ich wissen, wer wann ins Bett geht, seine Mails liest, einkaufen geht oder sich Schokopudding kocht?

An den Studientagen Bern fragte mich dann Stefanie Panke, wie es denn meiner Meinung nach aussieht: Gelten die gleichen „Vorteile“ des Bloggens (kurz auf einen Nenner gebracht z.B. Reflexion, Schreibförderung, Wissensmanagement) auch für das Microbloggen? Und hier muss ich zu den Nachteilen des Microblogging kommen, denn ich denke, da hat klar das konventionelle Blog Vorteile. Wirkliche Reflexion findet meiner Meinung nach (wenn überhaupt) nur da statt. Aufgrund der Schnelligkeit und der Begrenzung auf 140 Zeichen (adé Schreibförderung) kann es bei Microblogging wenn überhaupt nur um ein „kurzes“ Einschätzen gehen, fundierte Formulierungen von Gedankengängen oder Argumentationsstrukturen sind meist nicht möglich. Aber ich merke, wie ich z.B. Ankündigungen von Veranstaltungen oder Buchtipps aus dem Blog auslagere und diese eher schnell twittere. Somit findet zumindest bei mir schon eine Triage vor dem eigentlichen Bloggen statt.

Und einen weiteren Nachteil gibt es beim Microblogging: die nicht zu unterschätzende Zahl der following. Ich verfolge nun das Gezwitschere von ca. 80 Leuten und muss zugeben, es überfordert mich meist. Und was machen bitteschön diejenigen, die 1000 und mehr folgen??  (so was gibt es tatsächlich) Ich lese die Beiträge nicht wirklich, sondern scanne nur oberflächig drüber. Zumal es z.T. Diskussionsfetzen aus Diskussionen mit anderen sind, deren Anfang und Thema nur am Rand ersichtlich wird. Somit ist es (zumindest für mich) nicht einfach, die „wertvollen“ Informationen zu finden und aus den „alltäglichen“ Informationen (Bettgeschichten, Einkaufsbummel, …) herauszufiltern. Das ist z.B. der Grund, warum ich nicht mehr jedem, der mir folgt, auch automatisch folge. Und: das „Blocken“ von Anfragen ist auch nicht immer einfach. Und anknüpfen kann ich hier auch an Gabis Diskussion der „Holländischen Wohnzimmer“, denn es ist für mich schon die Frage, wer mir so folgt. Möchte ich wirklich, dass XY von mir liest, was ich gerade mache? Und: steckt nicht bei jedem Verfolgen auch eine Art „Voyourismus“ – mal sehen, was xy so macht?

Jedoch lernte ich auch das Tool schätzen: Während ich nun fast drei Monate vor allem private Projekte verfolgt habe ;-)  war twitter für mich das Tool, das mich über die aktuellen Diskussionen auf dem Laufenden hielt. So bekam ich mit, was gerade in der „Arbeitswelt“ diskutiert wurde. Ganz nebenbei lernte ich auch neue Leute kennen. Und die Sache mit dem informellen Lernen ist nicht weg zu diskutieren: ganz nebenbei bekommt man Literatur- und Linktipps, ist in Diskussionen verwickelt und kann auch die Community um Rat fragen. Sozusagen ein Lernen just in time. Auch das twittern von unterwegs hat durchaus Potenziale, wie z.B. live-Eindrücke von Konferenzen. Doch das Twittern an Konferenzen selbst, parallel zum Vortrag, das auch von einigen Twitterianern verfolgt wird, ist für mich weniger einsichtig, muss ich doch die Aufmerksamkeit zwischen Vortrag und Microblogging teilen.

Mein Fazit zu Twitter: Es gibt m.E. ein gewisses Potenzial, doch der Hype, der im Moment darum gemacht wird, kann ich nicht immer ganz nachvollziehen.

Btw: Spannend finde ich die Folie von minxuan, die 5 Ebenen bis zur Akzeptanz von Twitter darlegt, die ich auch bei mir z.T. beobachten konnte:

Hier gibt es die gesamte Präsentation:

Ich möchte mich minxuan anschliessen und dafür plädieren, nicht zu twittern, was man gerade macht, sondern was gerade seine Aufmerksamkeit hat. Das lenkt m.E. nach die Diskussion weg von Alltagsaktivitäten, sondern auf eine eher inhaltliche Ebene.
In diesem Sinne: frohes twittern 😉

16 thoughts on “Sinn und Unsinn von Twitter”

  1. Guter Artikel! Das sehe ich eigentlich genauso: Ambivalent und skeptisch, dennoch mit Potential, wenn man die Zielgruppe und das Ziel rechtfertigen kann.
    Ich habe das auch mal bebloggt: Teil I und Teil II.

  2. „…und dafür plädieren, nicht zu twittern, was man gerade macht, sondern was gerade seine Aufmerksamkeit hat.“

    „Denn dort wo Aufmerksamkeit ist, geschieht Lernen.“ Dieses Zitat von Steve de Shazer stammt zwar aus dem Coaching-Kontext. Meine Erfahrung zeigt, dass dies auch beim Twittern geschehen kann, wenn ich – wie vorgeschlagen – Twitter so benutze, dass ich (wenigstens hier und da) qualitative und anschlussfähige Gedanken mitteile.

  3. Sher guter Artikel. Twitter ist ja in Deutschland noch gerade am Anfang. Angeblich gab es letzte Woche ca. 30.000 deutschsprachige Twitternutzer, also die, die zumindest manchmal in Deutsch twittern. Tendenz steigend. Für mich stllet sich die Frage nicht, ob ich twittern soll oder nicht, genauso wie sich für mich die Frage nach Email nicht vor 15 Jahren, nach eigener Webseite vor 12 Jahren und nach Blog vor 3 Jahren gestellt hat. Twittern wird in einigen Jahren eine selbstverständliche Kommunikationstechnologie sein, so wie Email, SMS etc. Bis dahin müssen wir lernen damit umzugehen, und sicherlich wird es bis dahin stark verbesserte Filtermechanismen geben (Tweetdeck ist schon mal ganz gut – ich habe verschiedene Spalten wie z.B. enge Freunde, Suche nach Change Management, Replies etc. definiert. Das hilft sehr).

    Die Anwendungsbereiche, die im Slidecast von Minxuan angedeutet sind, werden noch stark erweitert werden: Katastrophenschutz, Marketing, persönliche Kommunikation („wo gehen wir Mittagessen?“), Nachrichten, etc.

    Kleine Anekdote: Meine Mitarbeiterin für Virtualitätsfragen (@MsTumble) hat mir gestern erzählt, dass sie erstens nur noch alle Tag ihre Email checkt, da sie ja über Twitter kommuniziert und zweitens, dass sie auch nicht mehr Blogs mit RSS-Feeds aboniert, da man ja über Twitter die wichtigen Infos bekommt und dann weiterlesen kann. Follow Me on Twitter

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