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Vom Nutzen in der Hochschuldidaktik

An der Arbeitsstelle für Hochschuldidaktik gibt es jährlich im Mai seit ein paar Jahren die Veranstaltung «Maizirkel». Er knüpft bewusst an historische Zirkel vergangener Jahrhunderte an um Zeit und Muße bieten, sich einen Nachmittag lang einem Thema zu widmen, das nicht unbedingt immer auf eine (direkte) Verwertung hin zu bearbeiten ist. Jedes Jahr stellen wir so den Maizirkel unter ein Thema, das letzte Jahr war es das Thema „Anfang“, dieses Jahr war das Thema «Nutzen». Die Beiträge, die dann erbracht werden, sind bewusst Denkanstösse und müssen nicht unbedingt in allen Facetten schon fertig und stringend durchdacht sein, so dass man in einem „geschützten Rahmen“ einen „Aufschlag machen“, erste Ideen vorstellen und diskutieren kann.

Nun habe ich mich dieses Jahr zum ersten Mal auch mit einem Beitrag beteiligt. Unter dem Titel «Nutzen – Zentraler Referenzpunkt der Hochschuldidaktik oder Ökonomisierung eines Handlungsfeldes?» habe ich versucht, einmal der Frage der Verbindung zwischen Theorie und Praxis in der hochschuldidaktischen Weiterbildung aufzuspüren. Dabei bin ich im grossen und ganzen noch nicht ganz zufrieden mit der Argumentation und dem Lösungsvorschlag. Aber das sind ja meist die besten Blogbeiträge, gibt es doch so Anlass zur Diskussion und Weiterentwicklung ;-). Hier also meine Gedanken zum Thema Nutzen in der Hochschuldidaktik:

Maizirkel1

Aus der Diskussion jedenfalls wurde mir schon folgendes klar, mit dem ich den Diskussionsbeitrag meinerseits erweitern würde:

Ist damit der Nutzen zentraler Referenzpunkt? Zentral sicherlich nicht, aber ich würde unterscheiden zwischen dem individuellen und kollektiven, gemeinen Nutzen. Während der individuelle Nutzen nur von den Teilnehmenden beurteilt werden kann und nicht der einzige Referenzpunkt für hochschuldidaktische Aus- und Weiterbildung sein kann, ist für die Hochschuldidaktik eventuell von grösserer Bedeutung der gemeine Nutzen, die Auflösung des „Privaten“ oder der „Privatisierung“  (vgl. S. 4 im Vortrag) in Lehr- und Lernfragen. Lehren und Lernen an der Organisation der Universität sollte ebenso im Fokus stehen wie die einzelne Lehrveranstaltung. Somit hat sich die Hochschuldidaktik die Nutzenfragen auf zwei Ebenen zu stellen: der des Individuums, aber auch der der Hochschule. Was macht eine Universität als Bildungsorganisation aus? Und welchen Nutzen hat eine Verbesserung des Lehrens und Lernens für die Universität? Hier lohnt es sich aus meiner Sicht, noch ein paar Gedanken zu investieren, was ich gerne zusammen mit unserem Team machen werde.


5 Kommentare

  1. Liebe Mandy,

    da hast du dir ein schönes Thema ausgesucht! Ich hatte mich in meinem Studium (im letzten Jahrtausend 🙂 in eine Hausarbeit mit dem Titel „Vom Nutzen des Schönen – Adam Smith und Friedrich Schiller“ verstiegen. Darin hatte ich genau wie du zwischen individueller und kollektiver Rationalität unterschieden. Diese Unterscheidung ist für viele Zusammenhänge wichtig, wenn man menschliches Verhalten (näher) verstehen will. http://de.wikipedia.org/wiki/Ultimatumspiel

    In deinem Papier geht es dir neben dem Aufbrechen der Privatisierung des Lehr-Lerngeschehens (reflexive Profession) um die Nutzbarmachung von Theorien bzw. das Theorie-Praxis-Verhältnis in der Hochschuldidaktik.

    Zwei Hinweise habe ich:

    a) Sehr lesenswert in diesem Zusammenhang ist der Artikel von Kurt Reusser (Vom Phänomen zum Begriff – vom Begriff zur Handlung http://www.bzl-online.ch/archiv/autor/3 unten). Ich meine er entwirft hier ein Modell der Lehrerbildung, das auch für die Hochschuldidaktik fruchtbar ist. Vor allem ist hier Heimanns Satz leitend: Es sind nicht Theorien, sondern es ist das Theoretisieren zu lehren“ wichtig (S.8).
    b) Daran schließt sich direkt mein zweiter Hinweis an: Auf S. 6 schreibst du, dass es darauf ankommt die „Re-Interpretation von Theorien in die eigene Tätigkeit“ zu ermöglichen. Ist dies, was Reusser/Heinmann mit Theoretisieren gemeint hat?

    Steckt in „Re-Interpretation“ nicht wieder der Anpassungsgedanke (für meine Situation passend machen)? Gut das ist eine Möglichkeit. Aber gerade für Experten in Ihren Fächern ist es interessant, wenn Sie selber Theorien machen, also Theoretisieren. Hochschullehrer sind Experten ihres Faches (egal ob Physik, Geschichte, Botanik) und sie haben eigene Geschichten zu erzählen. Hier müsste man didaktisch ansetzen, zum didaktischen Theoretisieren „verführen“.

    Kurzum: spannendes Thema und die Kategorie(n) des Nutzens ist auch für die Pädagogik interessant (vom Sinn über die Nützlichkeit bis zur Verwertung).
    Frank

  2. Lieber Frank
    Danke für deinen ausführlichen Kommentar, der mich (auch dank der Literaturempfehlung) sehr zum Weiterdenken anregt. Ich denke, dass du mit der Verbindung von „Re-Interpretation“ und Anpassung wahrscheinlich Recht hast, würde es aber nicht nur auf ein Anpassen im Sinne von Anwenden reduzieren, sondern auch eine Phase der Reflexion integriert sehen: D.h. ich nehme etwas auf, interpretiere es vor meinem Hintergrund und spiegel es entweder im praktischen Tun oder in Gedanken an meiner Situation.
    Das „Theoretisieren“ als Aufgabe zu nehmen, das sich von einer „Re-Interpretation“ unterscheidet (oder diese vielleicht auch weiterführt oder einleitet?), finde ich einen sehr spannenden Gedanken – bin mir allerdings nicht sicher, wie „erfolgreich“ ein solches Vorgehen sein kann. Denn ich denke, hier spielt wieder das „Verständnis“ eine Rolle: Während sich Lehramtsstudierende auch als Lehrpersonen verstehen, fällt das Theoretisieren als Methode für Hochschullehrende zumindest im Bereich von Lehr-Lernfragen, so vermute ich, schwieriger. Ich hab die Vermutung, dass dann hier durchaus das eigene Selbstverständnis (Lehrer vs. Forscher) in den Weg kommen könnte – wohlgemerkt könnte, denn ich habe immer noch die Hoffnung, dass Forscher und Lehrperson in Personalunion an Universitäten anzutreffen sind. Ein Gedanke weiter gesponnen: das Theoretisieren könnte dann auch vielleicht aber eine Verbindung zwischen den Theorien der eigenen Disziplin und pädagogischen Theorien herstellen bzw. beide gegenseitig anschlussfähig(er) machen … mhhm …. ich glaube, hier werde ich noch ein wenig dran weiterdenken 😉

    Nochmals vielen Dank für die Denkanstösse

    Liebe Grüsse
    Mandy

  3. Zwei Gedanken…

    a) Du hast Recht, JEDE Anwendung von Theorien ist im Bereich der Bildungswissenschaften eine Interpretation, damit Neuschaffung. Der padagogische Fall ist immer einmalig. Damit wir das Rad nicht immer neu erfinden müssen, sind Erfahrungen – die eigenen und die Dritter so wichtig. Diesen Spagat von Neuschaffung und Wiederverwertung war genau Gegenstand der Diskussion mit Christian http://www.frank-vohle.de/node/183.

    b) Ich will dich weiter für den Gedanken motivieren, dass Forscher AUCH Lehrer sind. Vielleicht wissen das viele (über sich) noch nicht (Selbstbild), vielleicht lassen wir auch nur ein bestimmten Typ des Hochschullehrers zu (Dogmatisches Lehrerbild). Aber der Ansatz, dass JEDER Forscher Geschichten (aus der Forschung) erzählen kann, ist für mich ein wichtiger Anker. Vielleicht müsste man zunächst diese Geschichten sammeln, ehe man sie zum Ausgang einer didaktischen „Verwertung“ macht. Du fragst, was stellst du dir da genau vor? Z.B. Herr Prof. Lesch aus der Physik, er kann Geschichten erzählen, Geschichten aus der Naturwissenschaft und was das mit uns – den Menschen zu tun hat. Sicher, eine Ausnahme, aber der Kerngedanke ist, dass Forscher über ihre Forschung Geschichten erzählen sollen und wir Hochschuldidaktiker ihnen dabei helfen, dass sie es besser als zuvor tun können. Nicht unsere Geschichten sind gefragt, sondern diejenigen der Bereichs-Forscher! http://www.youtube.com/watch?v=cW-JvQ8RG-c

    Grüße dich Frank 🙂

  4. Lieber Frank
    Ja klar, sind Forscher auch Lehrer, auf jeden Fall, da stimme ich dir völlig zu, ebenso wie in der Aussage, dass vor allem ihre, nicht unsere Geschichten gefragt sind (wir als Hochschuldidaktiker können nur ein wenig die „Dramaturgie“ verbessern helfen). Es ist eher das, was du als Selbstbild angesprochen hast: nicht jeder sieht sich so. Und: diese Facette wird auch wenig wertgeschätzt … ich will jetzt nicht jammern über Forschungsförderung und Lehrförderung, aber die meist mangelnde Wertschätzung der Lehre und das Selbstbild des lehrenden Forschers könnten, so denk ich, das Theoretisieren erschweren. Man muss sich darauf einlassen, reflektieren, (re-)interpretieren – und bekommt nicht unbedingt gleich Handlungsanweisungen oder fix und fertige Lösungen.
    Dennoch scheint mir ein spannender Weg zu sein, drei Formen, die du angesprochen hast, zu verbinden: die eigene Geschichte (i.S. von Inhalten), die eigene Erfahrung (im Bereich pädagogsicher Fälle) und das Theoretisieren als Akt der (Re-)Interpretation und Reflexion … und somit am Ende hoffentlich der Nutzen …
    … to be continued …

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