Online-Konsultation des BMBF zu OER Strategie

Vorbemerkung: Das Bundesministerium für Bildung und Forschung möchte bis Sommer 2021 seine OER-Strategie finalisieren und hat hierzu einen partizipativen Prozess vorgesehen. Ausgangspunkt für die Erarbeitung der Strategie sind wissenschaftliche Erkenntnisse, Empfehlungen der UNESCO sowie Anregungen aus der Community, die sich vorab beteiligen konnte. So sind unterschiedliche Statements (u.a. hier oder hier) zur Vorbereitung einer Diskussionsrunde zusammengekommen. Meine Anmerkungen und Anregungen zu fünf Fragen im Themenbereich „Mensch“ finden sich nun hier:

Frage: Wie lässt sich der Zugang gestalten? 

OER hat einen der Konsumenten- (Zugang und Nutzung) und der Produzenten-Teil (verändern, teilen), die beide gleichzeitig in den Blick genommen werden sollten, aber unterschiedliche Fragen der Gestaltung nach sich ziehen. Eine ausschließlich auf Nutzung fokussierte Sicht stellt aus pädagogischer Sicht eine sehr reduzierte Perspektive auf OER dar, denn offene Bildung impliziert andere Argumentationen, wenn man z.B. in die Capetown Erklärung schaut: 

Enthalten sind eher soziale Ideen, die sich am kollaborativen, partizipativen, problemlösenden Lernen orientieren und die Idee eines Lernnetzwerks oder einer Community of Practice fokussieren. Diese Idee zu (re-)aktivieren ist aus meiner Perspektive eine Notwendigkeit, die über einen reinen Zugang zu etwas hinausgeht. Notwendig wird Konzept der Kultivierung und Gestaltung, wie wir es aus der CoP Bewegung kennen (Eröffnung von Dialog, Stufen der Teilnahme, Schaffung von Begegnungsräumen, uvm., vgl. https://wiki.infowiss.net/Communities_of_ Practice#Entwicklungsstufen). Denn die Reduzierung der Debatte um Open Education auf OER ignoriert daher die eigentlichen Veränderungen: Ohne eine Gemeinschaft und ein Netzwerk, das nach der Produktion einer OER diese wiederverwendet, überarbeitet, remixt und weiterverteilt, funktioniert eine Idee der Offenheit nicht. Das bedeutet in der Konsequenz, dass die Diskussion über offene Bildung mit OER statt Zugangsfragen weitere Fragen nach der Rolle von Gemeinschaften, einer sich verändernden Lernkultur und einem sich verändernden Blick auf Bildungsinstitutionen wie Schule oder Hochschule aufwirft. Die gemeinsame Erstellung und die Weitergabe/-verarbeitung von OER in formalen Lern- und Bildungsszenarien ist und bleibt dann die eigentliche – prozessorientierte – Herausforderung. Denn ausgehend von meinen praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen in und mit der Lehrer*innenbildung ist die Frage der Sensibilisierung für Partizipation und Kooperation sowie Verantwortungsübernahme, sowohl von Lernenden als auch von Lehrenden, offen. Zudem haben viele Kolleg*innen – insbesondere in den Fachdidaktiken – große Vorbehalte gegenüber OER. Trotz zahlreicher Projekte (siehe BMBF-Förderung) gelingt es kaum nachhaltig, hier eine Kulturveränderung zu erzielen. (Lehramts-)Studierende und Lehrer*innen, aber auch weitere an Schule beteiligte Akteure setzen sich wenig mit OER und zugehörigen Handlungspraxen auseinander. Ein erster Ansatzpunkt, den Zugang zu verbessern, wäre eine kontinuierliche Adressierung in Schule und Lehrer*innenbildung (z.B. von Lehrveranstaltungen über Curricularen Standards und Studiengangsordnungen bis hin zu Hochschulentwicklungsplänen), indem schon dort sowohl auf die Bewertung von OER als auch eine Kultur des Teilens hingewiesen wird, begleitet von (medien-) didaktischen Maßnahmen, über Elemente des Service Learning, der Sichtbarmachung von Lernergebnissen. 

Frage: Wie können OER (digitale) Bildungsprozesse verbessern? 

Die Frage ist, auf welches Problem OER eine Antwort sein können. Bisher wird die Debatte in meiner Wahrnehmung (zu) sehr auf Lehrmaterial und dessen Erstellung rekurriert, anstatt die zugrundeliegenden sozialen Veränderungen und die Erstellung von Lernmaterial zu adressieren. Dieses müsste dann vor allem auch gemeinsam (z.B. im Dialog mit Lernenden) gestaltet werden. Notwendig werden hierfür aber organisationale Veränderungen und (Schul-)Kulturentwicklung. Mit Blick auf diese Setzungen ginge es dann nicht um die Materialerstellung, sondern um die Gestaltung von (offenen, partizipativen) Lerngelegenheiten und die Begleitung von Lernenden. Gerade die gemeinsame Erstellung von Lernmaterial führt zu einer Veränderung der Wahrnehmung von Aufgaben und Rollen von Lehrenden: Bisher ist Lehrhandeln stark auf Vermittlung und Materialerstellung fokussiert und in weiten Teilen noch individuelles Handeln. Rollenveränderungen hin zu Lernbegleitung und Kooperation sowohl mit Kolleg*innen als auch mit Lernenden findet kaum statt.

Rekurriert man auf eine Kultur der Digitalität, so ist insbesondere das Teilen und das Re-Mixen von besonderer Bedeutung – damit soziale Prozesse. Nimmt man diese gemeinsame Erstellung und Veränderung ernst, geraten unter der Frage der Verbesserung von Bildungsprozesse vor allem Praktiken des doing dialogue (siehe z. B. https://de.wikiversity.org/wiki/Projekt:OERlabs_Openbook), wie wir das in den vom BMBF geförderten OERlabs Projekts nannten, mit der Perspektive des Empowerments in den Blick.  Anschlussfähig ist hier weiterhin die der Medienpädagogik gängige Praxis von Handlungs- als auch Gestaltungsorientierung als Teil von medialen Bildungsprozessen. Partizipation und Kollaboration von Lernenden und Lehrenden bis hin zur Selbstorganisation in Medien zu realisieren und so offene Bildungspraktiken gemeinsam zu entwickeln, wäre ein Teil der Auseinandersetzung mit OER, was allerdings (erneut) die Frage nach den Medienkompetenzen von Lehrenden und Lernenden stellt. Bisher – so die These – ist das Thema von OER eines, was in sehr privilegierten Kreisen geführt wird und (noch) nicht die Breite der Debatte erreicht hat. Gerade in der Corona-Situation hätten OER einen Beitrag leisten können, indem Lehrende gemeinsam Unterricht gestalten, Landesinstitute gemeinsam Lösungen zur Verfügung stellen und damit Synergien geschaffen werden können. Dies hat allerdings in weiten Teilen sowohl innerhalb von Schulen als auch national zwischen den Bundesländern kaum stattgefunden, mehr noch: NRW schafft beispielsweise mit Brockhaus online Lösungen an, die gerade nicht geteilt werden können.  

Notwendig wäre es dafür allerdings, OER nicht nur als Aufgabe von Lehrpersonen, sondern auch – und insbesondere – als Teil von Schulentwickung zu sehen. Dies bedingt dann auch die Frage, an welchen Stellen sich weiterhin Offenheit und Partizipation zeigt und wie dies Teil der Schulkultur werden kann. 

Frage: Welche Rahmenbedingungen müssen gegeben sein, damit OER auch inklusiv wirken? 

Wichtig wäre es, OER nicht nur unter Perspektive von Digitalisierung und Materialerstellung zu sehen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Entwicklungen bezüglich Migration und Inklusion aufzunehmen. Dies führt dazu, immer heterogeneren Lern- (und Lehr)gruppen im Sinn zu haben. Bedeutend werden anpassbare, individualisierbare Unterricht/Lehrangeboten und Materialien und Methoden. OER nicht nur als Material, sondern als Ensemble von Material und Praktik machen dann im Idealfall vielfältige heterogene Bildungsräume möglich. 

Dies macht es aber ebenso notwendig, die Debatte um OER mit heterogenen Akteur*innen zu führen. Bei einer Erweiterung über (hoch)schulische Grenzen hinaus werden dann auch schnell Grenzen (vgl. Geschäftsmodelle, siehe Qualitätsentwicklung) sichtbar.  Daher kann es aus meiner Perspektive vor allem darum gehen, auf allen Ebenen die Diskussion um Offenheit und Partizipation anzuregen und hierfür Rahmenbedingungen (Zertifikate, Anreize) zu schaffen. 

Frage:  Welche Probleme gibt es dennoch mit Lizenzfragen und welche Lösungsvorschläge gibt es?

OER ist für mich keine Frage der Lizenzen, sondern eine Frage der Haltung und kooperativen Entwicklung von Material, aber auch eine Frage von Organisations-(kultur-)entwicklung. Diese zugrundeliegenden Perspektiven sind in der Praxis sehr viel schwieriger zu lösen als die Frage nach geeigneten Lizenzen. 

Im Idealfall gibt es zuständige (Beratungs-)Stellen, die Lehrende bei Lizenzfragen schnell und unkompliziert ansprechen kann. Die Debatte um Lizenzen wäre für mich vergleichbar wie die Debatte um Informatik in der Schule: Man muss nicht unbedingt programmieren können oder in unserem Fall Jurist*in sein, sollte aber ein grundlegendes Verständnis davon besitzen. 

Frage:  Ist eine permanente Qualitätssicherung notwendig? Wie kann diese gestaltet werden und wer soll diese durchführen? 

Auch die Frage der Qualitätssicherung fokussiert OER als Produkt. Dies widerspricht allerdings der Logik von OER. Relevanter könnte es sein, hier von Qualitätsentwicklung zu sprechen. Bisher übernahmen die Qualitätssicherung – zumindest im schulischen Bereich – vor allem Verlage und Ministerien. Aus meiner Perspektive ist allerdings darauf zu achten, dass es hier nicht zu einer De-Professionalisierung kommt: Die didaktische Aufbereitung von Lehr-Lernmaterial ist eine Aufgabe von Professionellen, die dann auch vergütet werden muss. Bei Lehrer*innen und Dozierenden ist diese Vergütung Teil der Anstellung im öffentlichen Dienst. Damit haben für mich insbesondere Schulen und Hochschulen hier einen öffentlichen Auftrag. Anders gestaltet sich die Situation in der Weiterbildung, da hier meist – schaut man beispielsweise auf die VHS– Selbstständige unterwegs sind, für die Erstellung von Lehrmaterial eine von insgesamt überschaubaren wenigen Einnahmequellen ist. Eine Qualitätsentwicklung müsste dann weniger das Material, sondern die Entwicklung kooperativer und offener Arrangements in den Blick nehmen, wie es beispielsweise durch kollegiale Hospitationen oder Peer-Review-Prozesse möglich ist. 

Ich bin gespannt auf die weiteren Diskussionen hierzu.

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