Qualitätssicherung von Zertifikatsangeboten in der hochschulischen Weiterbildung

Wissenschaftliche Weiterbildung an Hochschulen wird oft mit dem Nachholen eines Masterabschluss assoziiert, dabei sind es Zertifikatsangebote, welche nach Ergebnisse des Hochschulbarometers 2017 den Großteil der Angebote postgradualer Weiterbildung ausmachen – vor allem an staatlichen Universitäten (vgl. Abb. 1). Nach der Definition des Wissenschaftsrats sind hochschulische Zertifikatskurse „thematisch fokussierte Weiterbildungsangebote unterschiedlichen zeitlichen Umfangs, die nicht zu einem Hochschulabschluss führen.“ (WR 2019, S. 47). Die Relevanz von Zertifikaten ist zunächst nicht einleuchtend, liegt doch die Stärke der Hochschulen im Monopol ihrer Abschlüsse. Eine Erklärung kann zum einem darin gefunden werden, dass die Entwicklung von Studienangeboten für Bachelor- und Masterabschlüsse nicht nur sehr viel Geld kosten und damit für viele Hochschulen welche im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung noch wenig etabliert sind sowie noch nicht den notwendigen Rückhalt an ihrer Hochschule haben mitunter ein (zu) wagnisreiches Investment sind. Zertifikate hingegen erfordern nicht die Ressourcen und bieten gleichzeitig die Möglichkeit Märkte und Nachfrage zu sondieren. Wie interessant Zertifikate für die Hochschulen sind, zeigen u.a. die Ergebnisse des Wettbewerbs „Aufstieg durch Bildung: Offene Hochschule“. im Rahmen der dort durchgeführten Projekte entstanden 94 berufsbegleitende Bachelor- und Masterstudiengänge und 11 duale bzw. triale Studiengänge aber 208 Zertifikatskurse und –programme! (Quelle).

Gleichzeitig zeigen Bedarfserhebungen, dass Adressaten wissenschaftlicher Weiterbildung ein verstärktes Interesse an Zertifikatsangeboten haben (Reum, Nickel & Schrand 2020), welche zum einen für die Teilnehmenden weniger kosten, als auch ein weniger langfristiges Engagement erfordern. So formuliert Sigrun Nickel, Expertin für Hochschulforschung beim CHE „Berufstätige, die sich an einer Hochschule weiterqualifizieren möchten, benötigen oft keinen kompletten Studiengang mehr, sondern bevorzugen punktuelle Fortbildungen. Das stellt traditionelle Muster akademischer Bildung infrage.“ (Quelle). Als eine Ausnahme können hier solche Teilnehmendengruppen angeführt werden, welche z.B. aus beruflichen Gründen einen akademischen Abschluss benötigen. Auch eine Befragung bei Unternehmen zeigte, dass kurzläufige Angebote auf besonderes Interesse stoße (Steinmüller & Schwikal 2018). Dabei wäre auch hier zu vermuten, dass die Gründe in den geringen Kosten, aber auch in einer höheren Flexibilität, sprich schnelleren Verfügbarkeit sowie besseren Passfähigkeit liegen könnten, als längerfristige Bachelor- und Masterangebote. Wobei gerade letztere Formate als Maßnahme der Mitarbeiterbindung wiederum interessanter wäre. Befürchtet wird jedoch,  dass mit den Zertifikatsangeboten die Grenzen zur außerhochschulischen Weiterbildung verschwimmen und die Wissenschaftlichkeit der Angebote nicht mehr ausreichend gewährleistet ist.“ (Nickel & Reum, 2019, S. 3).

 

Hochschulbarometer 2017 (Quelle: https://www.hochschul-barometer.de/2017)

 

Der Bedarf an Transparenz und Qualitätssicherung von Zertifikatsangeboten wurde bereits 1993 von der HRK formuliert: „Eine restriktive Praxis ist nicht zuletzt zu empfehlen, um einer Inflation von Abschlüssen in dem bislang kaum strukturierten und noch wenig transparenten Weiterbildungsbereich vorzubeugen. (…) Die in der Weiterbildung erworbenen Bescheinigungen und Zertifikate sollten aussagekräftige Angaben über die Inhalte der Veranstaltung, ihre Dauer und die erworbenen Kenntnisse enthalten.“ (Quelle). Jedoch gibt es bisher keine verbindlichen Standards und Qualitätskriterien für Angebote unterhalb von Bachelor- und Masterabschlüsse. Daher wird sich – quasi aus der Not heraus – am CAS/DAS-System aus der Schweiz orientiert, wie z.B. als allgemeine Empfehlung in Baden-Württemberg (Quelle) oder an der Uni Potsdam ( Projekt-Team QUP 2020). Auch die DGWF empfiehlt die Anlehnung an das CAS/DAS-System (DGWF 2019).

Vor diesem Hintergrund hat das BMBF im Rahmen des  Vorhaben „Innovationsunterstützende Maßnahmen zum Bund­Länder­Wettbe­rwerb: Aufstieg durch Bildung: offene Hochschulen‘“ (INNOVUM-­OH) eine Runden Tisch ins Leben gerufen, um Empfehlungen zur Qualitätssicherung von Zertifikatsangeboten in der hochschulischen Weiterbildung zu entwickeln. Die Ergebnisse liegen nun als Broschüre vor

iit – Institut für Innovation und Technik (Hrsg.). (2021). Qualitätssicherung von Zertifikatsangeboten in der hochschulischen Weiterbildung. Berlin: iit. Online unter https://vdivde-it.de/sites/default/files/document/qualitaetssicherung-von-zertifikatsangeboten-in-der-hochschulischen-weiterbildung_0.pdf 

Die Mitglieder des Runden Tisches waren Vertreter:innen aus Hochschulen unterschiedlichen Typs und aus unterschiedlichen Bundesländern. Ich habe meine Rolle vor allem darin gesehen, die Perspektive der Hochschulprofessor:innen zu vertreten. Durch die Zusammensetzung wurde nicht nur viel Sachverstand, sondern auch sehr unterschiedliche Perspektiven in die Diskussion mit eingebracht, was zu konstruktiven aber auch intensiven Auseinandersetzungen geführt hat. Dabei zeigte sich zwar ein gemeinsames Ziel, aber auch sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Thematik, die von allen Seiten Kompromisse erforderte. So sehe ich zwar auf der einen Seite auch die Notwendigkeit der Transparenz von Abschlüssen und Qualitätssicherung von Zertifikatsangeboten in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Auf der anderen Seite habe ich aber auch Bedenken zu einer Entwicklung im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung, welche vor allem auf wirtschaftliche Verwertungsbedarfe und funktionale Angebotsformate schaut – denn das Ende dieser Entwicklung scheint mir mit Verweis auf die Forderungen nach Micro- und Nano-Degrees im Koalitionsvertrag noch nicht abgeschlossen (Quelle). Wissenschaftliche Weiterbildung muss auch Persönlichkeitsentwicklung fördern, muss kritisch gesellschaftliche Entwicklungen hinterfragen und sich von oberflächlichen und schnelllebigen Trends distanzieren. Das bedeutet nicht, sich in einem Elfenbeinturm der Forschung zurückzuziehen, sondern gerade das Überblickswissen zu vermitteln, welches dazu befähigt, mit der Dynamik unserer Zeit umzugehen. Wissenschaftliche Weiterbildung muss sich diese Freiräume erhalten und auch die Chance, Teilnehmenden neue Perspektiven und Entwicklungshorizonte (jenseits einer beruflichen Verwertbarkeit) zu eröffnen. Meines Erachtens sollte darin auch ihr eigentlicher Wert bestehen. Diese Prozesse sind nicht in immer kleinteiligeren Angeboten zu realisieren. Gleichzeitig möchte ich die wissenschaftliche Weiterbildung an Hochschulen auch nicht in Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Weiterbildungsanbietern sehen, da hier beide Seiten verlieren werden – die einen an Profil, die anderen an Einnahmen. Lebenslanges Lernen an Hochschulen ist kein Geschäftsmodell. Sie sollte sich an gesellschaftliche Bedarfe orientieren, diese aber gleichzeitig bezüglich ihres Auftrags und Selbstverständnisses reflektieren. Lebenslanges Lernen an Hochschulen ist eine notwendige Entwicklung und Hochschulen müssen sich dafür stark verändern. Die wissenschaftliche Weiterbildung ist dabei der zentrale Motor dieser Veränderung. Umso wichtiger ist es zu schauen, wohin dieser Motor die Hochschulen zieht.

Literatur

DGWF. (2019). Struktur und Transparenz von Angeboten der wissenschaftlichen Weiterbildung an Hochschulen in Deutschland. Zeitschrift Hochschule und Weiterbildung(1), 56-57. Online unter https://doi.org/10.4119/zhwb-1572 

iit – Institut für Innovation und Technik (Hrsg.). (2021). Qualitätssicherung von Zertifikatsangeboten in der hochschulischen Weiterbildung. Berlin: iit. Online unter https://vdivde-it.de/sites/default/files/document/qualitaetssicherung-von-zertifikatsangeboten-in-der-hochschulischen-weiterbildung_0.pdf 

Projekt-Team QUP (2020). Abschlusssystematik in der wissenschaftlichen Weiterbildung an der Universität Potsdam. Verfügbar unter https://www.uni-potsdam.de/fileadmin/projects/qup/dokumente/QUP2_PUB_4_Abschlusssystematik_Weiterbildung.pdf

Nickel, S., & Reum, N. (2019). Im Labyrinth der Zertifikate. duz(11), 3-5. 

Reum, N., Nickel, S., & Schrand, M. (2020). Trendanalyse zu Kurzformaten in der wissenschaftlichen Weiterbildung. Verfügbar unter https://www.pedocs.de/volltexte/2020/20621/pdf/Reum_Nickel_Schrand_2020_Trendanalyse_zu_Kurzformaten.pdf 

Steinmüller, B. & Schwikal, A. (2018). Weiterbildungsbedarfe in der Bevölkerung der Re- gion Westpfalz (Arbeits- und Forschungsberichte aus dem Projekt E-hoch-B (20)). Online unter https://kluedo.ub.uni-kl.de/frontdoor/deliver/index/docId/5215/file/_Steinmueller_Schwikal_2018_Bevoelkerungsbefragung.pdf 

Wissenschaftsrat (Hrsg.). (2019). Empfehlungen zu hochschulischer Weiterbildung als Teil lebenslangen Lernens. Berlin: Wissenschaftsrat.

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