{"id":1515,"date":"2010-11-05T20:27:15","date_gmt":"2010-11-05T20:27:15","guid":{"rendered":"http:\/\/2headz.ch\/blog\/?p=1515"},"modified":"2010-11-07T19:33:50","modified_gmt":"2010-11-07T19:33:50","slug":"tagung-medienbildung-im-spannungsfeld-medienpaedagogischer-leitbegriffe-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2headz.ch\/blog\/tagung-medienbildung-im-spannungsfeld-medienpaedagogischer-leitbegriffe-teil-ii\/","title":{"rendered":"Tagung \u00c2\u00abMedienbildung im Spannungsfeld medienp\u00c3\u00a4dagogischer Leitbegriffe\u00c2\u00bb, Teil II"},"content":{"rendered":"<p>So, nun ist sie vorbei, die Herbsttagung f\u00c3\u00bcr dieses Jahr. Nachdem es gestern schon sehr dicht war, ging es heute direkt weiter. W\u00c3\u00a4hrend gestern vor allem Medienkompetenz und Medienbildung im Vordergrund standen, wurden heute media literacy, Mediendidaktik und Medienerziehung n\u00c3\u00a4her betrachtet.<\/p>\n<p>Theo Hug und Silke Grafe haben sich vor allem mit dem Begriff der media literacy in Auseinandersetzung zum deutschen Sprachgebrauch von Medienkompetenz und Medienbildung besch\u00c3\u00a4ftigt. Spannend waren dabei die unterschiedlichen Diskurse von media literacy, die Grafe nachwies:<\/p>\n<ol>\n<li>media literacy als &#8218;empowerment&#8216; (meist bezeichnet als media literacy education)<\/li>\n<li>media literacy als critical literacy&#8216; ( meist bezeichnet als media education)<\/li>\n<li>media literacy als &#8217;new literacy&#8216;<\/li>\n<li>media literacy als &#8218;visual literacy&#8216;<\/li>\n<li>media literacy als &#8218;protection&#8216; \u00c2\u00a0oder health literacy, bei der vor allem bewahrp\u00c3\u00a4dagogische Grundannahmen im Vordergrund stehen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese f\u00c3\u00bcnf Diskursstr\u00c3\u00a4nge zeigen, dass media literacy nicht gleich media literacy ist und hilft, das Konzept differenzierter zu betrachten, auch wenn es in einem zweiten Schritt notwendig sein wird, auch die unterschiedlichen Traditionen und (politischen, sozialen und gesellschaftlichen) Systeme der USA und Deutschlands differenzierter zu betrachten und in eine Analyse aufzunehmen.<\/p>\n<p>Nach einer Pause wurde vor allem der Begriff der Mediendidaktik unter die Lupe genommen. Eingef\u00c3\u00bchrt wurde dieser Teil von Gerhard Tulodziecki, der einen historischen Blick auf die Diskursstr\u00c3\u00a4nge warf und der Frage nachging, wann denn einzelne Begriffe in der wissenschaftlichen Diskussion auftauchten, denn wie an der ein oder anderen Stelle schon zu lesen war, steht in der Habilitationsschrift von Baacke nirgends der Begriff Medienkompetenz. Seiner Meinung nach waren die ersten, die diesen Begriff verwendeten, interessanterweise die Z\u00c3\u00bcrcher Medienwissenschaftler Saxer und Bonfadelli, die Medienkompetenz als M\u00c3\u00b6glichkeit sahen, Wissenskl\u00c3\u00bcfte zu erkl\u00c3\u00a4ren. Auch andere Begriffe hatten durchaus ihre Traditionen: in den 60er ging es vor allem um Mediendidaktik und Medienp\u00c3\u00a4dagogik, in den 1970er um Mediendidaktik, in den 1980ern um Medienerziehung, die 90er Jahre standen ganz im Zeichen der Medienkompetenz, w\u00c3\u00a4hrend seit ungef\u00c3\u00a4hr 2000 vor allem Medienbildung diskutiert wird. Interessanterweise wurde Medienbildung schon 1994 zum ersten Mal in einem Manual der Lehrerbildung in NRW erw\u00c3\u00a4hnt.<\/p>\n<p>Michael Kerres ging nochmals auf die Handlungs- und Gestaltungsorientierung und damit auf die Gestaltung lernf\u00c3\u00b6rderlicher Umwelten ein, denen im Rahmen ubiquit\u00c3\u00a4rer und pervasiver Medien immer mehr Bedeutung zukommt. Somit geht es vor allem um die Gestaltung lernf\u00c3\u00b6rderlicher Umwelten mit und in Medien.<\/p>\n<p>F\u00c3\u00bcr die st\u00c3\u00a4rksten Diskussionen hat (wie zu erwarten war) der Beitrag von Dominik Petko zum empirischen Perspektivenwechsel, in dem er f\u00c3\u00bcr eine st\u00c3\u00a4rkeren Einbezug praxisorientierter Forschung wie z.B. dem Design-Based-Research Ansatz oder experimenteller Methoden pl\u00c3\u00a4dierte. Forschung in der Medienp\u00c3\u00a4dagogik sollte sich weniger an den Forschungsmethoden der Nachbardisziplinen (Kommunikationswissenschaft, Medienpsychologie oder -soziologie) bedienen, sondern vor allem mit und \u00c3\u00bcber Praxis geschehen. Es gibt ein grosses Wissen in der Medienp\u00c3\u00a4dagogik \u00c3\u00bcber Zielgruppen, aber wenig Wissen \u00c3\u00bcber medienp\u00c3\u00a4dagogische Praxis; dem gilt es entgegenzuwirken. Nur mit an der Praxis orientierter Forschung k\u00c3\u00b6nne man den &#8222;Pirouetten in d\u00c3\u00bcnner Luft&#8220;, die die Theoretiker drehen, entgegenwirken und auch handlungswirksam werden. Dennoch wurde auch vor methodischen Engf\u00c3\u00bchrungen gewarnt und die Frage nach der Zweckfreiheit von Wissenschaft gestellt. Ebenso wurde kritisch die Auswirkungen von Professurbesetzungen und Forschungsmethoden dargestellt &#8211; ein Thema, das uns ja nicht unbekannt ist \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Das Anliegen der Praxis wurde von einigen Teilnehmenden explizit gefordert und war nicht immer klar ersichtlich (und konnte es m.E. auch nicht sein). Denn Begriffsarbeit wirkt nicht direkt im Feld; dennoch ist sie wichtig, um einen gemeinsamen Gegenstand zu haben. An der Tagung wurde interessanterweise immer wieder eine Unterscheidung gemacht zwischen &#8222;innen&#8220; und &#8222;aussen&#8220;, zwischen \u00c3\u2013ffentlichkeit und Wissenschaft. Einige Begriffe und Begriffsdiskussionen sind vor allem in der Wissenschaft wichtig, wie man es in der \u00c3\u2013ffentlichkeit nenne (ob z.B. Medienkompetenz oder Medienbildung), sei recht egal, hauptsache, die Projekte werden gef\u00c3\u00b6rdert, so eine etwas lapidare Zusammenfassung des Grundtenors. Ich bin nicht sicher, ob dies so einfach ist, denn immerhin bilden Begriffe auch Wirklichkeiten ab. Ich stimme allerdings zu, dass die \u00c3\u2013ffentlichkeit vielleicht nicht die Tiefe der Konzeptdarlegungen braucht.<\/p>\n<p>Summa summarum: Was bleibt von der Tagung, neben ganz vielen spannenden Gespr\u00c3\u00a4chen mit alten und neuen Bekannten? Zuerst einmal ein Lob an die Tagungsorganisation, die es mit diesem spannenden Format geschafft hat, dass sich alle Tagungsteilnehmenden mit den Begriffen auseinandersetzten. Durch das vorg\u00c3\u00a4ngige Lesen der Papiere bekam der Input und dann vor allem die Diskussion einen ganz anderen Stellenwert. W\u00c3\u00a4hrend man auf anderen Tagungen im Vorfeld nicht weiss, was einen erwartet und man auch an vielen verschiedenen Themen denkt, hat diese Tagung die intensive Auseinandersetzung mit den Leitbegriffen gef\u00c3\u00b6rdert und angeregt. Ebenso wurde in der gemeinsamen Betrachtung von Begriffen sehr sch\u00c3\u00b6n deutlich, wie Wissenschaft funktioniert, und welche Positionen im Raum sind. So wurde Wissenschaft sichtbar.<\/p>\n<p>Zum Nachdenken komme ich \u00c3\u00bcber verschiedene Dinge. Zum einen, ob es wirklich die Diskussion um Begriffe oder nicht eher um Konzepte war. Denn ich denke, dass die Bezeichnung &#8222;Begriff&#8220; zwar nie falsch sein kann, eigentlich an dieser Tagung aber unterschiedliche Konzepte bzw. Konzeptionen des Lebens und Lernens mit und in Medien diskutiert wurden. Weiterhin wurde mir nochmals klar, wie sehr sich Wissenschaft nicht nur \u00c3\u00bcber ihre zugrunde liegende Begriffe und Konzepte definiert, sondern sich auch \u00c3\u00bcber ihre Methoden und die Methodologie konstituiert (wie man sp\u00c3\u00a4testens in der Diskussion um die Forschung gesehen hat, die Dominik angeregt hat). Methoden sind nicht nur Hilfsmittel, um Erkenntnisse zu gewinnen, sondern k\u00c3\u00b6nnen auch als Ausdruck eines Weltbildes gesehen werden. Und somit ist es f\u00c3\u00bcr eine Disziplin, zumindest in ihrer Manifestation wichtig, welche Methoden eingesetzt werden. Das Thema der Methodologie schien an mehreren Stellen durch, vom Doktorandenforum \u00c3\u00bcber die Diskussionen bis zur Konzentration in Dominiks Beitrag. Ich denke, es lohnt sich, hier weiter dran zu bleiben &#8211; schauen wir mal, was sich realisieren l\u00c3\u00a4sst \ud83d\ude42<\/p>\n<p><strong>Nachtrag<\/strong><\/p>\n<p>Heute lese ich die zahlreichen Blogbeitr\u00c3\u00a4ge der anderen Tagungsteilnehmenden: <a href=\"http:\/\/blog.kerres.name\/2010\/11\/medienpadagogik-arbeitsteilig-unterwegs.html\" target=\"_blank\">Michael Kerres<\/a>, <a href=\"http:\/\/kerstin.mayrberger.de\/blog\/?p=281\" target=\"_blank\">Kerstin Mayrberger<\/a>, <a href=\"http:\/\/joerissen.name\/medienbildung\/bildungskompetenzliteracyerziehung\/\" target=\"_blank\">Benjamin J\u00c3\u00b6risse<\/a>n sowie <a href=\"http:\/\/juerg.fraefel.ch\/theorie-fur-die-praxis-oder-praxis-fur-die-theorie\/\" target=\"_blank\">J\u00c3\u00bcrg Fraefel<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So, nun ist sie vorbei, die Herbsttagung f\u00c3\u00bcr dieses Jahr. Nachdem es gestern schon sehr dicht war, ging es heute direkt weiter. 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