{"id":1942,"date":"2011-12-08T20:51:50","date_gmt":"2011-12-08T20:51:50","guid":{"rendered":"http:\/\/2headz.ch\/blog\/?p=1942"},"modified":"2012-09-27T19:51:09","modified_gmt":"2012-09-27T19:51:09","slug":"vortrag-implementationsforschung-als-aufgabe-der-empirischen-bildungsforschung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2headz.ch\/blog\/vortrag-implementationsforschung-als-aufgabe-der-empirischen-bildungsforschung\/","title":{"rendered":"Vortrag: Implementationsforschung als Aufgabe der Empirischen Bildungsforschung"},"content":{"rendered":"<p>Heute sprach im Kontext der Veranstaltungsreihe \u00e2\u20ac\u017eNaturwissenschaftlicher Unterricht\u00e2\u20ac\u0153 der Forschergruppe &amp; Graduiertenkolleg und Zentrum f\u00c3\u00bcr empirische Bildungsforschung der Universit\u00c3\u00a4t Duisburg-Essen\u00e2\u20ac\u0153 Prof. Dr. Cornelia Gr\u00c3\u00a4sel aus Wuppertal zum f\u00c3\u00bcr mich spannenden Thema der Implementation und Implementationsforschung. Unter dem Titel \u00e2\u20ac\u017eImplementation und Implementationsforschung als Aufgaben der Empirischen Bildungsforschung\u00e2\u20ac\u0153 gab sie einen guten Einblick in das Themenfeld der Verbreitung von Innovationen in p\u00c3\u00a4dagogischen Kontexten. Sie verstand ihr Referat dabei als Positionsreferat mit der Perspektive auf die Implementation empirischer Bildungsforschung. Im Folgenden versuche ich mal eine Zusammenfassung.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen Vergleich zwischen Transfer und Implementation kam sie darauf zu sprechen, dass die Verbreitung von Innovation im Schulbereich kein neues Thema sind, Berichte dazu gibt es schon aus den 1930er Jahren. Seit dieser Zeit wird auch immer wieder auf die Innovationstr\u00c3\u00a4gheit im Bildungswesen hingewiesen (Rogers &amp; Shoemaker, 1971). Als Gr\u00c3\u00bcnde zitierte Frau Gr\u00c3\u00a4sel die Gr\u00c3\u00bcnde, die auch Spiel, L\u00c3\u00b6sel &amp; Wittman in ihrer ihrem Beitrag (Transfer psychologischer Erkenntnisse in Gesellschaft und Politik) angaben:<\/p>\n<ul>\n<li>Mangel an \u00e2\u20ac\u017echange agents\u00e2\u20ac\u0153<\/li>\n<li>Fehlen von \u00c3\u00b6konomischen Anreizen<\/li>\n<li>Ansehen der Anwendungsforschung<\/li>\n<li>Wissenschaftsferne p\u00c3\u00a4dagogische Professionen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dabei kommt dem Begriff der Anwendung, der auch in der Frage der Implementation steckt, eine besondere Stellung im Bereich der Empirischen Bildungswissenschaft dar, denn dieser wird nicht einheitlich gebraucht: So gibt es in der empirischen Bildungsforschung, die als Forschungsfeld und nicht disziplin\u00c3\u00a4r zu verstehen ist, aufgrund dieser Heterogenit\u00c3\u00a4t der Bezugsdisziplinen und Fachkontexte unterschiedliche Begrifflichkeiten und Bewertungen von \u00e2\u20ac\u017eAnwendung\u00e2\u20ac\u0153 und \u00e2\u20ac\u017eImplementation\u00e2\u20ac\u0153, die Grundlagendefinitionen und Forschungsideen erschweren.<\/p>\n<p>Ebenso verhindert die Tradition der \u00e2\u20ac\u017eModellversuche\u00e2\u20ac\u0153 mit ihren kleinen Gruppen, Einzelf\u00c3\u00a4llen und oft schwammigen Zielen und Aussagen bzw. der \u00e2\u20ac\u017eEntwicklungsforschung\u00e2\u20ac\u0153 in Deutschland die Besch\u00c3\u00a4ftigung mit Implementationen. Ein wenig sp\u00c3\u00a4ter f\u00c3\u00bchrte sie ihre Kritik an Modellversuchen aus: Schulen hatten in vielen Projekten (zu)viel Spielraum zur Realisierung der Projekte, es gab multidimensionale und unterdefinierte Zielstellungen sowie wenige und schwammig formulierte Outputziele. Viele empirische Studien, die post-hoc angefertigt wurden, untersuchen dann auch nicht den Implementationserfolg. Dennoch kann man oft sagen, dass eine Verbreitung von Innovation weniger stattfindet als geplant und bei unterrichtsnahen Variablen Ver\u00c3\u00a4nderungen in der Regel geringer sind als bei unterrichtsdistalen Variable.<\/p>\n<p>Ebenso werden mit der Forderung nach Anwendung oft auch au\u00c3\u0178erwissenschaftliche Anspr\u00c3\u00bcche an die Bildungsforschung, z.B. Politik (Qualit\u00c3\u00a4tsverbesserung), Administration (\u00e2\u20ac\u017eSteuerungswissen\u00e2\u20ac\u0153), Praxis (\u00e2\u20ac\u017eNutzen f\u00c3\u00bcr die Schule\u00e2\u20ac\u0153) herangetragen. Diese Aspekte f\u00c3\u00bchren zu einer Schwierigkeit bei der Frage nach der Implementation, die auch immer wieder gefordert wird (hier rekurrierte sie auf die Arbeiten von Gabi Reinmann und sowie Euler\/Sloane).<\/p>\n<p>Zur Bewertung einzelner Forschungen stellte sie nochmals die Typologie von Stokes dar:<\/p>\n<table border=\"1\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"104\"><\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"129\">Praxisnutzen<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"139\"><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"104\">Erkenntnis<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"129\">Nein<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"139\">Ja<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"104\">Ja<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"129\">Typ 1: reine Grundlagenforschung<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"139\">Typ II nutzeninspirierte Grundlagenforschung<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"104\">Nein<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"129\">Typ IV keine Forschung<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"139\">Typ II reine Anwendungsforschung (Evaluationsforschung)<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Die Schwierigkeit, vor allem des Typs II, um der es ihr ging, besteht in einer angemessenen Balance halten zwischen Wissenschaft\/Theorie und Praxis<\/p>\n<p>Nach dieser Einf\u00c3\u00bchrung und Erkl\u00c3\u00a4rungsmuster f\u00c3\u00bcr die mangelnde Betrachtung von Anwendung in der Bildungsforschung kam Cornelia Gr\u00c3\u00a4sel auf die Beurteilung von Implementation zu sprechen: Was ist eigentlich eine \u00e2\u20ac\u017egelungene\u00e2\u20ac\u0153 Implementation? Z\u00c3\u00a4hlen hier quantitative Aspekte wie eine m\u00c3\u00b6glichst weite Ausbreitung? Oder sind es nicht auch Aspekte wie ver\u00c3\u00a4nderte \u00c3\u0153berzeugungen und Handlungsmustern, eine Verankerung von Innovationen an Schulen (Schul- und Unterrichtskultur) oder eine gro\u00c3\u0178e Identifikation der Beteiligten, auch \u00c3\u00bcber den Projektabschluss hinaus? Hier stellte sie dann die Frage, was Implementationen beeinflusst, und fasste zusammen:<\/p>\n<p>1. Merkmale der Innovation selbst (Rogers, 2003)<\/p>\n<ul>\n<li>relativer Vorteil gegen\u00c3\u00bcber der bestehenden Praxis<\/li>\n<li>Koh\u00c3\u00a4renz\/Kompatibilit\u00c3\u00a4t<\/li>\n<li>Geringe Komplexit\u00c3\u00a4t, einfache Umsetzung<\/li>\n<li>Reversibilit\u00c3\u00a4t (&#8220; schwierig bei Medien!!)<\/li>\n<li>Schnelle Sichtbarkeit der Vorteile<\/li>\n<\/ul>\n<p>2. Ebene der professionell T\u00c3\u00a4tigen: Die Wichtigkeit der Lehrperson als Faktor der Innovation, vor allem die eingesch\u00c3\u00a4tzte subjektive Bedeutung der Innovation\u00c2\u00a0 ist eine wichtige Variable<br \/>\n3. Unterst\u00c3\u00bctzung der Schulleitung und Kooperationsstruktur an Schulen wichtig<\/p>\n<p>Den Schluss ihres Vortrags bildete die Forderung nach mehrschrittigen Wirkungsstudien:<\/p>\n<ol>\n<li>Allgemeine Wirksamkeit: &#8211; experimentelle Studien: Bsp.: \u00c3\u0153ber alle Lernenden hinweg ist die Sprachf\u00c3\u00b6rderung von Ma\u00c3\u0178nahme 1 signitikant besser als die von Ma\u00c3\u0178nahme 2<\/li>\n<li>ATI-Effekte: Replikationen im Feld (Interventionsforschung), Replikation von F\u00c3\u00b6rderma\u00c3\u0178nahmen auf andere Felder: Hinweise auf differenzielle Wirkungen: Kinder mit guten Leistungen und hoher Motivation profitieren mehr von Ma\u00c3\u0178nahme 2 als von Ma\u00c3\u0178nahme 1<\/li>\n<li>Kontexteinfl\u00c3\u00bcsse: Implementationsstudien in die Breite: Ma\u00c3\u0178nahme 1 wird in der Praxis unvollst\u00c3\u00a4ndig realisiert. Ma\u00c3\u0178nahme 2 kann einfacher in die Praxi integriert werden. In den Ergebnissen ist Ma\u00c3\u0178nahme 2 deutlich \u00c3\u00bcberlegen<\/li>\n<\/ol>\n<p>Dabei sprach sie sich f\u00c3\u00bcr eine evidenzbasierte Implementationsforschung aus., die sich durch folgende Merkmale auszeichnet:<\/p>\n<ul>\n<li>klare Festlegung der Ziele (m\u00c3\u00b6glichst quantifiziert: Test x um 30 Punkte)<\/li>\n<li>Realisierung der zuvor empirisch untersuchten Ma\u00c3\u0178nahmen (z.B. Trainings)<\/li>\n<li>Messung der Wirkungen (Pre-Post-Design)<\/li>\n<li>R\u00c3\u00bcckmeldung der Ergebnisse an die Beteiligte<\/li>\n<\/ul>\n<p>Dabei geht es ihr vor allem um eine St\u00c3\u00a4rkung der Evidenzorientierung bei allen professionell T\u00c3\u00a4tigen im Bildungsbereich (Lehrende, Forschende, Administration).<\/p>\n<p>Die Diskussion im Anschluss drehte sich vor allem darum, warum es nicht gelingt, p\u00c3\u00a4dagogische Forschung in die Schule zu tragen. Erkl\u00c3\u00a4rungsmuster wurden gesucht in der Wissenschaftsferne von Lehrerinnen und Lehrern, in der grossen Diskrepanz zwischen Themen, die f\u00c3\u00bcr Forscher wichtig sind und denen, die von Lehrenden als wichtig eingesetzt werden. Ebenso ist das Spannungsfeld zwischen Praktikabilit\u00c3\u00a4t und Forschungshintergrund wichtig, Zitat aus dem Publikum: \u00e2\u20ac\u017eman muss sich auch mal die Finger schmutzig machen\u00e2\u20ac\u0153.<\/p>\n<p>Was ist f\u00c3\u00bcr mich nun besonders spannend an dieser Veranstaltung? Ich finde die Forschungsbereiche, die sich auch der Integration und Verbindung von und mit Praxis n\u00c3\u00a4hern bzw. nach den gegenseitigen Befruchtungen von Wissenschaft und Praxis, wie beispielsweise die Entwicklungsorientierte Bildungsforschung (Reinmann &amp; Sesink) oder die Gestaltungsorientierte Mediendidaktik (Kerres) sehr spannend, also Ans\u00c3\u00a4tze, die auch nach einem Anwendung f\u00c3\u00bcr die Bildungsforschung fragen. Und da bot mir der Vortrag von Cornelia Gr\u00c3\u00a4sel nochmals eine andere Perspektive. Der Themenkomplex der Implementationsforschung ist auch f\u00c3\u00bcr die Erforschung von Medien und deren Auswirkungen zentral, schlie\u00c3\u0178lich geht es in meinem Bereich immer auch um die Implementation von Innovation in Form von digitalen Medien in schulische Settings. Obwohl die Fragestellungen hier z.T. anders gelagert sind, gibt es dennoch einige Bez\u00c3\u00bcge. Womit ich meine Schwierigkeiten habe, ist die Forderung nach experimenteller Forschung als Ausgangspunkt von p\u00c3\u00a4dagogischen Implementationsprozessen. Ich frage, ob es hier nicht andere Bez\u00c3\u00bcge g\u00c3\u00a4be. Wenn ich an die Integration von digitalen Medien in Lehr-Lernprozesse denke, so macht man ja meist wenig experimentelle Studien, bevor man diese im Klassenzimmer einsetzt. Es gibt Experimentalforschung hinsichtlich der Frage der Text-, Audio- und Videogestaltung beispielsweise, aber diese ist doch meist zu eng, wenn man die Auswirkungen des Laptops im Schulunterricht untersuchen will.\u00c2\u00a0Ebenso erscheint mir der Ansatz insofern verk\u00c3\u00bcrzt, weil er sich vor allem der Implementation p\u00c3\u00a4dagogischer Trainings, so mein Eindruck, verschrieben hat. Es geht nicht um die auch nach wissenschaftlichen Erkenntnissen geschehende Gestaltung von Unterrichtspraxis, sondern meist um die Frage nach der Implementation von Trainings und Programmen. Nichts desto trotz bot mir der Vortrag vertiefte Erkenntnisse und vor allem Reflexionsm\u00c3\u00b6glichkeiten des eigenen Handelns und der eigenen Forschungspraxis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute sprach im Kontext der Veranstaltungsreihe \u00e2\u20ac\u017eNaturwissenschaftlicher Unterricht\u00e2\u20ac\u0153 der Forschergruppe &amp; Graduiertenkolleg und Zentrum f\u00c3\u00bcr empirische Bildungsforschung der Universit\u00c3\u00a4t Duisburg-Essen\u00e2\u20ac\u0153 Prof. Dr. Cornelia Gr\u00c3\u00a4sel aus Wuppertal zum f\u00c3\u00bcr mich spannenden Thema der Implementation und Implementationsforschung. 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