{"id":422,"date":"2007-03-10T15:30:41","date_gmt":"2007-03-10T14:30:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mandyschiefner.ch\/blog\/archives\/634"},"modified":"2007-03-10T15:30:41","modified_gmt":"2007-03-10T14:30:41","slug":"tagung-lehren-und-lernen-nach-bologna-ii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2headz.ch\/blog\/tagung-lehren-und-lernen-nach-bologna-ii\/","title":{"rendered":"&#171;Lehren und Lernen nach Bologna&#187; II"},"content":{"rendered":"<p>Heute sind wir mit dem Referat <strong>\u00c2\u00abLehre an Forschungsuniversit\u00c3\u00a4ten\u00c2\u00bb<\/strong> von Prof. Walter Zimmerli gestartet. Prof. Zimmerli ist Pr\u00c3\u00a4sident der AutoUni der Volkswagen AG und war Pr\u00c3\u00a4sident der privaten Hochschule Witten-Herdecke.<\/p>\n<p>Meine Notizen zum Referat als Zusammenfassung:<\/p>\n<p><strong>1. Einheit von Forschung und Lehre<\/strong><br \/>\nZimmerli unterscheidet zwei Universit\u00c3\u00a4tstypen: eine Universit\u00c3\u00a4t der Kultur (europ. Universit\u00c3\u00a4t) vs. Universit\u00c3\u00a4t der Excellence (v.a. nordamerik. Universit\u00c3\u00a4t) \u00e2\u2020\u2019 ohne dass man allerdings weiss, welche Exellence gemeint ist. In Amerika gibt es z.B. eine excellence in parking. Wie er so sch\u00c3\u00b6n mit einem Zitat von Paul Feyerabend erl\u00c3\u00a4utert:  \u00c2\u00abWissenschaft und organisierte Kriminalit\u00c3\u00a4t unterscheiden sich wenig, wenn man die Kritieren f\u00c3\u00bcr Excellence anschaut\u00c2\u00bb (P. Feyerabend)<\/p>\n<p>Gefordert ist oft die Einheit von Forschung und Lehre, real existiert aber eine Asymetrie von Forschung und Lehre. Dabei hat Einheit von Forschung und Lehre nichts mit der Abgrenzung von der Wirtschaft zu tun, sondern ist eigentlich ein Abwehrrecht des Staates.<br \/>\nZimmerli f\u00c3\u00bchrt die Unterteilung in der Forschung, wie sie in Deutschland gemacht wird, vor.<br \/>\no\tGrundlagenforschung (MPI, DFG)<br \/>\no\tAngewandte Forschung (Fraunhofer, Leibnitz)<br \/>\no\tEntwicklung (Wirtschaft), z.B. Airbus<br \/>\no\tHybrid: Orientierte Forschung<\/p>\n<p>Oft fehle nach Aussagen von Prof. Zimmerli die \u00c2\u00abletzte Meile\u00c2\u00bb: D, A, CH sind (Vize)meister in Patenten, allerdings schaffen sie es nicht, diese auch umzusetzen. Dabei weiss man seit Schumpeter: Innovation = commercialization of invention (Schumpeter), d.h. Innovationen m\u00c3\u00bcssen in der Realit\u00c3\u00a4t eingesetzt werden. Seine Kritik geht damit noch einen Schritt weiter, es gibt im deutschsprachigen europ\u00c3\u00a4ischen Raum eine Trennung von Lehre &#8211; Forschung und Innovation.<br \/>\nNun mag man meinen, dass dies ein Manko deutschsprachiger Universit\u00c3\u00a4ten ist, Zimmerli kritisiert aber auch sog. \u00c2\u00abEliteuniversit\u00c3\u00a4ten\u00c2\u00bb: In Harvard seien Dozierende vor allem Literaten, Geschichtenschreiber, indem sie F\u00c3\u00a4lle schreiben, die l\u00c3\u00a4ngst gel\u00c3\u00b6st und kalt sind \u00e2\u2020\u2019 hier fehlt es an Innovation.<br \/>\nUniversit\u00c3\u00a4ten m\u00c3\u00bcssen gesehen werden als Zukunftswerkstatt: Ziel ist dabei die richtige Qualifizierung,  (zuviel Bildung kann nicht schaden, aber zuwenig an der richtigen Stelle), die Schaffung von <strong>offene Wissensorte des \u00c2\u00abgeistigen Widerstandes\u00c2\u00bb<\/strong> (J. Derrida), Universit\u00c3\u00a4ten als Orte, die vom Streamline (Staat oder Wirtschaft) verschont bleiben.<\/p>\n<p><strong>2. Bologna und die Folgen<\/strong><br \/>\nIm Gegensatz zur Idee (n\u00c3\u00a4mlich jederzeit zu wechseln) gestalten sich die gestuften Studieng\u00c3\u00a4nge als Mobilit\u00c3\u00a4tsrisiko: Ein Wechsel findet nur zwischen BA und MA Stufe statt, aber nicht w\u00c3\u00a4hrend des BA und MA, inhaltliche Anforderungen sind \u00c3\u00bcberall verschieden, 3 Jahre sind zu kurz f\u00c3\u00bcr Wechsel.<br \/>\nEine Mobilit\u00c3\u00a4tschance  stellt die Modularisierung dar (Beseitigung von Mobilit\u00c3\u00a4tshemmnissen, F\u00c3\u00b6rderung von interkulturellen Kompetenzen, Mobilit\u00c3\u00a4t zwischen Hochschulen und Bildungsg\u00c3\u00a4ngen, lebensbegleitendes Lernen)<br \/>\nEr entwickelt eine interessante Idee: es gibt einen ECTS Pass, den man das ganze Leben wie einen Pass in der Tasche tr\u00c3\u00a4gt und kann so von Ort zu Ort wandeln. Ab und zu kann man die gesammelten CP in Degress umwandeln. So werden Curricula nachhaltig, im  Vordergrund stehen Module.<br \/>\nMan braucht einen Wechsel, vom Ketten- zum Netzwerkparadigma:<br \/>\nDas Kettenparadigma besagt kurz zusammengefasst, dass weder klassiche Konkurrenz noch Kooperation modellierbar sind (the great chain of being \u00e2\u20ac\u201c Lovejoy, 1936). Es gilt das Prinzip  Ursache und Wirkung, auch die Lehre wird in einer curricularen Kette organisiert, die Abfolge des Lernens ist vorgeschrieben.<br \/>\nWas hier fehlt ist die eine Interaktion mit anderen Ketten \u00e2\u2020\u2019 wie in einem Netz. Die Welt als Netzwerk spricht eigentlich gegen eine curriculare Orientierung, sondern eine Modulabfolge kann individuell erfolgen. Kombination und Rekombination sind dann individuell massgeschneidert<\/p>\n<p><strong>3. Jenseits der Disziplinen<\/strong><br \/>\nZimmerli spricht von einer Vers\u00c3\u00a4ulung als Erbe des 19. Jahrhunderts: man spricht von 2 Kulturen: der Naturwissenschaft und der  Geisteswissenschaft. Allerdings gibt es eigentlich viel mehr, n\u00c3\u00a4mlich 4 Kulturen: Naturwissenschaft &#8211; Ingenieurwissenschaft, Geisteswissenschaft \u00e2\u20ac\u201c Sozialwissenschaft.<br \/>\nDies bedingt:<br \/>\nWir operieren in einem System von Stereotypen (C.P. Snow) und wir wissen nur wenig \u00c3\u00bcber die anderen Disziplinen. Doch wer jetzt dachte, dass Interdisziplinarit\u00c3\u00a4t die L\u00c3\u00b6sung ist, liegt falsch, denn Interdisziplinarit\u00c3\u00a4t bedeutet aus dem lateinischen her ein &#8222;zwischen&#8220; und das einzige, was man nach Zimmerli damit erreiche, ist ein &#8222;zwischen den St\u00c3\u00bchlen sitzen&#8220;. Interdisziplinarit\u00c3\u00a4t sei ein Ausweis fehlender Qualit\u00c3\u00a4t.<br \/>\nEr pl\u00c3\u00a4diert f\u00c3\u00bcr Transdiziplin\u00c3\u00a4t und somit einen transdisziplin\u00c3\u00a4ren Baukasten. Transdisziplinarit\u00c3\u00a4t ist mehr als Interdisziplinarit\u00c3\u00a4t: man ist in einer Disziplin zuhause und von dort greift man in die andere Disziplin. Es kommt zu einer Begegnung von disziplin\u00c3\u00a4ren Profis. Transdiziplinarit\u00c3\u00a4t ist das  wiss. Vorgehen, das wissenschaftliches Wissen und Praxis verbindet (Disziplin- und f\u00c3\u00a4cher\u00c3\u00bcbergreifend). Transdisziplin\u00c3\u00a4re Forschung befasst sich nicht mit Fragen, die disziplininternen Diskursen entspringen, oder mit Fragen der Disziplinen, sondern mit  \u00c3\u00bcbergreifenden Problemstellungen, denn die Probleme der Wirklichkeit kann man nicht mehr nur mit einer Disziplin l\u00c3\u00b6sen (zumindest die Finanzen sind immer dabei). Er spricht sich f\u00c3\u00bcr ein T-Modell im lebenslangen Lernen aus: transdisziplin\u00c3\u00a4re Bildung liegt als horizontale Bildung \u00c3\u00bcber der fachlichen Erstausbildung.<\/p>\n<p><strong>4. Jenseits des Elfenbeinturmes<\/strong><br \/>\nBologna ist seiner Meinung nach noch nicht zuende, sondern es ist erst der Anfang, jetzt geht es erst richtig los.<br \/>\nBisher hat sich die  Wissenschaft f\u00c3\u00bcr gesell. Themen, insbesondere der Wirtschaft immer abgeschottet, selbst die Wirtschaftswissenschaften behandeln den Markt nur theoretisch. Was Studierende an Universit\u00c3\u00a4ten lernen, ist Klausuren schreiben.  Universit\u00c3\u00a4ten pr\u00c3\u00bcfen allerdings an dieser Stelle Autisten (die in einer Klausur Entscheidungen allein treffen m\u00c3\u00bcssen, kein Internet benutzen d\u00c3\u00bcrfen, usw)<br \/>\nDerzeit stehen Universit\u00c3\u00a4ten auf dem Abstellgleis. SIe m\u00c3\u00bcssen sich verwandeln in kundenorientierte Unternehmen. Doch zur Zeit macht man einen entscheidenden Fehler: man<br \/>\nbenchmarkt sich mit derzeit erfolgreichen Unternehmen. Das ist allerdings eine Orientierung an \u00c2\u00abgestern\u00c2\u00bb. Was jetzt nicht an der Hochschule ist, wird in 25 Jahren nicht auf dem Markt sein.<br \/>\nUniversit\u00c3\u00a4ten entwickeln Studieng\u00c3\u00a4nge nach interner Ausrichtung. Verdeutlicht hat es Prof. Zimmerli an einem Anglerbeispiel: Der Wurm muss ja den Fischen schmecken, nicht dem Angler.<br \/>\nWas seiner Meinung nach fehlt, ist ein \u00c2\u00abPlacement record\u00c2\u00bb, d.h. die Abfrage, was aus den eigenen Studierenden geworden ist. Wie erfolgreich sind die Absolventen einer Hochschule. Zwei Maximen sind f\u00c3\u00bcr die Hochchule wichtig:  <strong>customizing und geistiger Widerstand.<\/strong><br \/>\nLebenslanges Lernen ben\u00c3\u00b6tigt nach Zimmerli Blended Learning, da es zunehmend schwierig ist, Lehrende und Lernende an einem Ort zusammen zu bringen. Jedoch ist nicht alles durch E-Learning machbar. E-Learning beziehe sich auf kognitive Sachverhalte, nicht auf Kompetenzen (Geige lernen). Es gibt Unterschiede zwischen Kompetenz und Kognition (Mantelbeispiel: Komplexit\u00c3\u00a4t von Alltagshandlungen bei kognitiver Beschreibung).<br \/>\nEr schl\u00c3\u00a4gt folgendes Modell vor: Distanzphase (Vorbereitungsphase) \u00e2\u20ac\u201c Pr\u00c3\u00a4senzphase (Seminar) \u00e2\u20ac\u201c Distanz (Nachbereitung)<br \/>\nDer Vorteil von Blended Learning liegt in einem zeit- und ortsunabh\u00c3\u00a4ngigem Lernen, das Weltwissen liegt auf dem Medium selbst zur Verf\u00c3\u00bcgung, E-Learning ist Grundlage f\u00c3\u00bcr selbstbestimmtes Lernen, es ergibt sich eine bessere modulare Abpr\u00c3\u00bcfbarkeit (bessere Pr\u00c3\u00bcfbarkeit f\u00c3\u00bcr kogn. Pr\u00c3\u00bcfungen). Man wisse genau, wann welcher Lernende welche Lektion bearbeitet habe.<\/p>\n<p><strong>5. Forschungsorientierung der Lehre<\/strong><br \/>\nInnovationsforschung und Forschungsinnovation beeinflussen sich gegenseitig<br \/>\no\tOhne Innovation keine neue Erkenntnis<br \/>\no\tOhne Erkenntnis keine Innovation<br \/>\no\tOhne Innovation keine neuen Produkte<br \/>\no\tOhne neuen Produkte keine Zukunft des Wissens am Markt<\/p>\n<p>Erforderlich ist dazu allerdings auf Seiten der Hochschule Innovationsmanagement und Intellectual property management. Anders als in der traditionellen Hochschulen wird es in Zukunft eher die Ausnahme als die Regel sein, dass Studierende dieselben Lehrbuchf\u00c3\u00a4lle l\u00c3\u00b6sen wie ihre Vorg\u00c3\u00a4nger \u00e2\u2020\u2019 real cases<\/p>\n<p>Von Kognition zur Kompetenz<br \/>\nKompetenzerwerb kann nur durch Performanz (Learning by doing) geschehen.. Eine Vermittlung von Kompetenz erfolgte bisher aus der Perspektive individueller und kurzfristiger Lernprozesse (Sach und Methodenkompetenz), was fehlt ist die Sozialkompetenz<br \/>\nFolgende Frage stellte Prof. Zimerli am Ende seines Vortrages: \u00e2\u20ac\u017eIst ein Junggeselle (Bachelor) ein Mensch oder ist er erst ein Mensch, wenn er verheiratet ist?\u00e2\u20ac\u0153<\/p>\n<p>In der Diskussion stellte sich die Frage nach der Ausbildung von Wissenschaftlern. Die Universit\u00c3\u00a4t hat auch den Auftrag, Wissenschaftler auszubilden. Es existiert allerdings keine systematische Personalentwicklung, keinen PEP (Pers\u00c3\u00b6nlichen Entwicklungsplan). Hier liegen noch Defizite, die es zu beheben gilt.<\/p>\n<p>Besonders originell fand ich die Beendigung seines Vortrages: \u00c2\u00abich bedanke mit bei denjeningen, den ich was wichtiges erz\u00c3\u00a4hlt habe, f\u00c3\u00bcr ihre Aufmerksamkeit und bei den anderen f\u00c3\u00bcr Ihre Geduld.\u00c2\u00bb \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Mein Fazit der Tagung: Die Beitr\u00c3\u00a4ge waren qualitativ sehr gemischt. Es hatte ein bis zwei Perlen, aber der Gros der Beitr\u00c3\u00a4ge hat mich nicht wirklich \u00c3\u00bcberzeugt. Ich hatte mir von Lehren und Lernen nach Bologna ein wenig mehr Dynamik und Innovation gew\u00c3\u00bcnscht.<\/p>\n<p><strong>Update 13.03.2006<\/strong>: <a href=\"http:\/\/www.diz.ethz.ch\/conference\/progr\/KNZimmerli.ppt\" target=\"_blank\">Hier<\/a> die Folien von Prof. Zimmerli \ud83d\ude42<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute sind wir mit dem Referat \u00c2\u00abLehre an Forschungsuniversit\u00c3\u00a4ten\u00c2\u00bb von Prof. Walter Zimmerli gestartet. Prof. Zimmerli ist Pr\u00c3\u00a4sident der AutoUni der Volkswagen AG und war Pr\u00c3\u00a4sident der privaten Hochschule Witten-Herdecke. Meine Notizen zum Referat als Zusammenfassung: 1. Einheit von Forschung und Lehre Zimmerli unterscheidet zwei Universit\u00c3\u00a4tstypen: eine Universit\u00c3\u00a4t der Kultur (europ. 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