{"id":432,"date":"2007-03-29T08:35:14","date_gmt":"2007-03-29T06:35:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mandyschiefner.ch\/blog\/archives\/648"},"modified":"2007-03-29T08:35:14","modified_gmt":"2007-03-29T06:35:14","slug":"wissenschaftliches-schreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2headz.ch\/blog\/wissenschaftliches-schreiben\/","title":{"rendered":"wissenschaftliches Schreiben"},"content":{"rendered":"<p>Die Arbeitsstelle f\u00c3\u00bcr Hochschuldidaktik (AfH) der Universit\u00c3\u00a4t Z\u00c3\u00bcrich veranstaltet jedes Semester \u00c2\u00ab<a href=\"http:\/\/www.afh.uzh.ch\/huem.html\">Hochschuldidaktik \u00c3\u00bcber Mittag<\/a>\u00c2\u00bb. Dieses Jahr dreht sich die Veranstaltung ganz um das Thema \u00c2\u00abWissenschaftliches Schreiben\u00c2\u00bb.<\/p>\n<p>Den ersten Vortrag bestritt Markus Binder zum Thema \u00c2\u00abGrundprobleme des wissenschaftlichen Schreibens\u00c2\u00bb.<\/p>\n<p>In seinen Kursen zum wissenschaftlichen Schreiben hat er gemerkt, dass wissenschaftliches Schreiben gleich fachliches Schreiben ist. Der Nenner zwischen den einzelnen universit\u00c3\u00a4ren Disziplinen ist recht gering. Aus diesem Grund f\u00c3\u00a4llt auch eine breite F\u00c3\u00b6rderung von wissenschaftlichen Schreiben so schwer. Schreiben ist dabei nicht nur die Versprachlichung von Gedanken und nicht nur Textproduktion &#8211; schon gar nicht kann man Dinge einfach mal so \u00c2\u00abrunterschreiben\u00c2\u00bb &#8211; Schreiben ist ein komplexer Prozess, der damit auch viele Probleme mit sich bringt. Obwohl seiner Meinung nach 10 Grundprobleme sch\u00c3\u00b6ner gewesen w\u00c3\u00a4ren, listet er 8 Probleme auf, die sich auch gegenseitig beeinflussen.<\/p>\n<p><strong>1. Das Anfangen<\/strong><br \/>\nDas Anfangen meint nicht nur den Einstieg in den Text, sondern den Einstieg in das Texten. \u00c2\u00abWo soll ich beginnen?\u00c2\u00bb ist eine h\u00c3\u00a4ufige Frage. Schreibarbeit wird oft nicht ernst genommen, paralleles Schreiben an zwei Texten ist fast unm\u00c3\u00b6glich. Ein Grund f\u00c3\u00bcr die Problematik des Anfangs besteht im Zeitdruck. Schreiben braucht vor allem auch Zeit, und zwar Zeit am St\u00c3\u00bcck &#8211; ein Gut, das in den Universit\u00c3\u00a4ten von heute zum Teil verloren geht (vgl. diesen <a href=\"http:\/\/www.mandyschiefner.ch\/blog\/archives\/439\">Post<\/a>). Weiterhin kommt hinzu, dass gerade bei wissenschaftlichen Texten der Anspruch an den Text und damit die eigene Person hoch ist. Der richtige Anfang braucht die Vorbereitung.<br \/>\n<strong>2. Das Vorbereiten<\/strong><br \/>\nEin Zitat hat mir besonders gefallen: \u00c2\u00abDas Schreiben beginnt vor dem Schreiben\u00c2\u00bb, n\u00c3\u00a4mlich mit der Anfertigung eines Konzepts. Dieser Zwischenschritt zwischen Lesen und Schreiben wird oft vergessen. Das Konzept gibt Antworten auf die Frage, wie man eine pr\u00c3\u00a4zise Forschungsfrage zu beantworten gedenkt, und zwar Schritt f\u00c3\u00bcr Schritt. Das Konzept ist im Akt des wissenschaftlichen Schreibens sozusagen die Landkarte, die den Weg aufzeigt. Denn ohne Konzept kommt man schnell zu Grundproblem No. 3:<\/p>\n<p><strong>3. Die Blockade<\/strong><br \/>\nIn 4 von 5 F\u00c3\u00a4llen sei die Blockade zur\u00c3\u00bcckzuf\u00c3\u00bchren auf ein mangelndes Konzept. Den Prozess des Schreibens kann man auch wie folgt darstellen: <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.mandyschiefner.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/03\/schreibprozess.jpg\" alt=\"Schreibprozess.jpg\" border=\"0\" height=\"396\" width=\"474\" \/><br \/>\nEine Blockade ist dabei auf eine mangelnde Struktur zur\u00c3\u00bcckzuf\u00c3\u00bchren, also das Auslassen des zweiten Punktes im Kreislauf. Dabei kann dieses Ordnen auf verschiedene Arten geschehen: mit PostIt, mit MindMaps, in Essayform, in Journalen, usw. Er belegt die Aussage mit einem Zitat von Walter Benjamin, das ich hier nur dem Sinn nach wiedergeben kann: Lass keinen Gedanken inkognito passieren und f\u00c3\u00bchre dein Notizbuch wie die Beh\u00c3\u00b6rden ein Fremdenregister. Nebenbei gemerkt kann man m.E. nach Notizbuch auch mit Blog \u00c3\u00bcbersetzen \ud83d\ude09<\/p>\n<p><strong>4. Die Eigendynamik<\/strong><br \/>\nDabei liegt das Problem darin, das kreative Potenzial zuzulassen, sich aber gleichzeitig an die Gliederung zu halten.Gedanken entstehen oft beim Schreiben, und dieser Akt zwischen Konzept und Kreativit\u00c3\u00a4t ist manchmal problematisch.<\/p>\n<p><strong>5. Das Redigieren<\/strong><br \/>\nMit dem Schlusspunkt unter einem fertigen Text sollte man meinen, ist der Text fertig, jedoch f\u00c3\u00a4ngt nach Binder die Arbeit erst richtig an. Es geht n\u00c3\u00a4mlich nun darum, die ganze Arbeit nochmals in Frage zu stellen, an der Logik und den Formulierungen zu Arbeiten, Dinge zu streichen, andere Formulierungen zu pr\u00c3\u00a4zisieren, kurz: zu redigieren. Und dieser Prozess wird oft nicht gemacht. Inhalt und Form h\u00c3\u00a4ngen zusammen. Oft muss man das Thema sprachlich erobern, sozusagen schreibend lernen. Dieser Prozess ist immanent wichtig, wird jedoch oft unterschlagen.<\/p>\n<p><strong>6. Die Stoffhuberei<\/strong><br \/>\nVor allem in wissenschaftlichen Artikeln ist dies der Fall. Schon jeder hat Texte gesehen, in denen die Fussnoten l\u00c3\u00a4nger sind als der eigentliche Text, da ja alles irgendwie wichtig ist. Und wenn es keinen Platz mehr hat, dann halt in der Fussnote. Aber auch beim wissenschaftlichen Schreiben gilt nach Binder: less is more. Das Weglassen und K\u00c3\u00bcrzen ist dabei kein einfacher Prozess, sondern tut meist weh. Dennoch sollten auch wissenschaftliche Texte pr\u00c3\u00a4gnant, pr\u00c3\u00a4zise und verst\u00c3\u00a4ndlich sein (eine These, die zu regen Diskussionen f\u00c3\u00bchrte, siehe unten).<\/p>\n<p><strong>7. Der Substantivismus<\/strong><br \/>\nDie Verknappung vor allem in wissenschaftlichen Texten f\u00c3\u00bchrt zu einem Substantivismus, da man mit einem Substantiv unheimlich viele Bedeutungen transportieren kann. Allerdings ist es nach Binder schon so weit, dass Wissenschaftler in Substantiven denken, da es einfach zu viele Substantive in den Texten gibt. Dabei spricht er nicht von der Abschaffung, sondern vom sinnvollen Einsatz von Substantiven.<\/p>\n<p><strong>8. Das \u00c3\u0153ben<\/strong><br \/>\nViele Studierende schreiben seiner Meinung nach zu wenig. Dabei geht es nicht um das Schreiben von Abschlussarbeiten, sondern um das Schreiben von kleineren Texten, wie Rezensionen oder Essays. Rezensionen regen zum kritischen Hinterfragen an, Zusammenfassungen sch\u00c3\u00a4rfen den Blick f\u00c3\u00bcr das Wesentliche. Dies wird aber oft zu wenig im Studium gelernt.<\/p>\n<p><strong>Diskussion<\/strong> Gerade das Zusammenfassen von Gedanken, das Kommentieren und \u00c3\u00a4hnliche Prozesse k\u00c3\u00b6nnen meiner Ansicht nach durch das regelm\u00c3\u00a4ssige Bloggen ge\u00c3\u00bcbt werden. Mit dem Bloggen erreicht man dadurch mindestens zwei Ziele: pers\u00c3\u00b6nliches Wissensmanagement (siehe den Beitrag hier) und Schreibtraining. Mir f\u00c3\u00a4llt auf, dass mir die Produktion von kurzen Texten, Zusammenfassungen oder Kommentierungen leichter f\u00c3\u00a4llt, seit ich blogge. Man muss sich genau \u00c3\u00bcberlegen, warum man anderen zustimmt oder diese kritisiert, man muss sich die Argumente zurechtlegen und m\u00c3\u00b6glichst verst\u00c3\u00a4ndlich ins Blog bringen (auch wenn sich im Eifer des Gefechts ab und zu der ein oder anderer Rechtschreibfehler blicken l\u00c3\u00a4sst \ud83d\ude09 ). Das bringt mich \u00c3\u00bcbrigens direkt zum Diskussionsthema: M\u00c3\u00bcssen wissenschaftliche Texte verst\u00c3\u00a4ndlich sein? Und hier gibt es durchaus kontroverse Meinungen: Wissenschaftliche Texte sollten nicht leicht verst\u00c3\u00a4ndlich sein, denn schliesslich gehe es in der Wissenschaft darum, sich auch an Texten zu reiben, Dinge mehrmals zu lesen, damit man sie wirklich verstanden hat, sozusagen das Ersp\u00c3\u00bcren von Sinn. Die andere Position geht davon aus, dass wissenschaftliche Texte unbedingt leicht verst\u00c3\u00a4ndlich sein sollen, denn schliesslich will man dem Leser ja etwas vermitteln und mitteilen. Hier schieden sich im Saal und bei der Diskussion die Geister, und ich denke, das zugrunde liegende Problem kann man auf die Frage verdichten, warum man ver\u00c3\u00b6ffentlicht. Geht es darum, vor anderen Fachvertretern als m\u00c3\u00b6glichst \u00c2\u00abgenial\u00c2\u00bb daherzukommen, um die eigene Publikationsliste zu f\u00c3\u00bcllen? Dann wird man wahrscheinlich eher dazu tendieren, m\u00c3\u00b6glichst elaborierte Texte zu schreiben. Geht es darum, Menschen etwas mitzuteilen, dann wird man es m\u00c3\u00b6glichst pr\u00c3\u00a4zise formulieren. Das Problem ist, dass in der Wissenschaft die zweite Gruppe von Autoren meist nicht ernst genommen wird, wobei es meiner Ansicht nach erheblichen Mehraufwand bedeutet, etwas einfach und pr\u00c3\u00a4zise auszudr\u00c3\u00bccken als kompliziert. Dass es auch anders geht, zeigen englische Fachtexte, die meist einfacher geschrieben sind als deutsche: das Passiv ist verp\u00c3\u00b6nt, man schreibt in der ersten Person singular und viel direkter als in der deutschen Wissenschaftssprache, wie der Prorektor Fischer in seiner Einf\u00c3\u00bchrung erw\u00c3\u00a4hnte.<\/p>\n<p>Ich bin gespannt auf die weiteren Veranstaltungen, in denen dieser Punkt zwischen Verst\u00c3\u00a4ndlichkeit und Elaboriertheit sicherlich wieder an der ein oder anderen Stelle erscheinen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Arbeitsstelle f\u00c3\u00bcr Hochschuldidaktik (AfH) der Universit\u00c3\u00a4t Z\u00c3\u00bcrich veranstaltet jedes Semester \u00c2\u00abHochschuldidaktik \u00c3\u00bcber Mittag\u00c2\u00bb. Dieses Jahr dreht sich die Veranstaltung ganz um das Thema \u00c2\u00abWissenschaftliches Schreiben\u00c2\u00bb. 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