{"id":521,"date":"2007-09-02T14:18:43","date_gmt":"2007-09-02T12:18:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mandyschiefner.ch\/blog\/archives\/1020"},"modified":"2007-09-02T14:18:43","modified_gmt":"2007-09-02T12:18:43","slug":"unbildung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2headz.ch\/blog\/unbildung\/","title":{"rendered":"Unbildung?!"},"content":{"rendered":"<p>Nun habe ich einen Teil der <a href=\"http:\/\/www.mandyschiefner.ch\/blog\/archives\/958\" target=\"_blank\">Patenschaft<\/a> f\u00c3\u00bcr das Wort \u00c2\u00abUnbildung\u00c2\u00bb \u00c3\u00bcbernommen. Patenschaften tragen immer eine hohe Verantwortung, und eine Wortpatenschaft zu \u00c3\u00bcbernehmen, heisst:<\/p>\n<blockquote><p>\u00e2\u20ac\u0153Entwickeln Sie das Wort weiter, pflegen Sie es, h\u00c3\u00bcten Sie es vor Mi\u00c3\u0178brauch oder Verdr\u00c3\u00a4ngung! Schreiben Sie Gedichte mit Ihrem Wort, tauschen Sie sich aus mit anderen Wortpaten und schaffen Sie W\u00c3\u00b6rterbiotope oder -museen, ert\u00c3\u00bcfteln Sie Wortspielereien.\u00e2\u20ac\u009d<\/p><\/blockquote>\n<p>Somit  m\u00c3\u00b6chte ich an dieser Stelle einen Anfang wagen und mich mal mit dem Thema Unbildung besch\u00c3\u00a4ftigen und einen ersten Vorstoss wagen, der sicherlich nicht aussch\u00c3\u00b6pfend sein wird, sondern einfach mal ein paar Gedanken vorstellt, die es weiter zu verfolgen gilt.<\/p>\n<p>Unbildung, was ist das eigentlich? Von der Wortbedeutung her findet man <a href=\"http:\/\/wortschatz.uni-leipzig.de\/abfrage\/\" target=\"_blank\">hier<\/a> einige interessante Hinweise. Synonyme sind also: Synonyme:    Banausentum,  Bildungslosigkeit, Dummheit, Taktlosigkeit, UnbelesenheitUngeist, Unkultur und Unschicklichkeit. Doch was steckt hinter dem Begriff, der heute 40&#8217;700 Treffer bei google erzielt? Ist es das Gegenteil von Bildung (immerhin 132&#8217;000&#8217;000 Treffer)? Ist es noch nicht vorhandene Bildung? Ist es die Ignoranz von Bildung? Und wie verankert ist Unbildung in der Gesellschaft? Wie gebildet sind Menschen? Gibt es einen Unterschied in der (Un)bildung von Wissenschaftlern und &#8222;normalen&#8220; Personen?<br \/>\nDieser Frage ist <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/research\/news-centre\/index_de.html\" target=\"_blank\">FTE info<\/a> nachgegangen und  hat einen Fragebogen zur wissenschaftlichen Bildung erstellt, in dem Versuchspersonen m\u00c3\u00b6glichst spontan antworten sollten. Das interessante an dieser (zugegebenermassen nicht ganz wissenschaftlichen) Untersuchung ist dennoch erstaunlich:<\/p>\n<blockquote><p>Auffallend ist zun\u00c3\u00a4chst die bemerkenswert \u00c3\u00a4hnliche Quote &#8222;richtiger&#8220; Anworten von Wissenschaftlern und Personen, die dieses Fach nicht studiert haben &#8211; dies gilt sogar f\u00c3\u00bcr die &#8222;wissenschaftlichen&#8220; Fragen (siehe Grafik a). Daraus lie\u00c3\u0178e sich schlie\u00c3\u0178en, dass entweder dieses Thema einfacher war als die anderen Kategorien oder es besser um die Wissenschaftsbildung bestellt ist, als gemeinhin angenommen wird.<\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.mandyschiefner.ch\/blog\/wp-content\/uploads\/2007\/08\/httpec.europa.euresearchnews-centredesocimages02-07-soc04-01.gif02-07-soc04-01.gif\" title=\"02-07-soc04-01.gif\" alt=\"02-07-soc04-01.gif\" align=\"absmiddle\" border=\"0\" height=\"303\" width=\"276\" \/><br \/>\nDoch das ist nicht nur das einzige interessante Ergebnis:<\/p>\n<blockquote><p>Die wissenschaftliche Bildung nimmt beispielsweise mit steigendem Alter zu (&#8230;), w\u00c3\u00a4hrend die auf den beiden anderen Gebieten [Kunst und Geschichte\/Zeitgeschehen] erreichte Punktezahl relativ gleich bleibt. <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/research\/news-centre\/de\/soc\/02-07-soc04.html\">(Quelle) <\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Haben wir also unser Ziel erreicht? Sind jetzt alle gebildet bzw. werden sie es im Laufe ihrer Lebenszeit? Pl\u00c3\u00b6tzlich scheint es zu einer Gegenbewegung zu kommen: Nach Zeiten, in denen Schwanitz &amp; Co einen sagenhaften Erfolg mit Titeln wie \u00c2\u00abBildung &#8211; alles was man wissen muss\u00c2\u00bb hatten, scheint sich nun das Blatt zu wenden. Letzte Woche habe ich im Magazin der deutschen Bahn die Buchvorstellung des Buches \u00c2\u00abLexikon des Unwissens. Worauf es bisher keine Antwort gibt\u00c2\u00bb von Kathrin Passig und Aleks Scholz gelesen. Darin schildern die Autoren das sog. \u00c2\u00bbknowing unknown\u00c2\u00bb, also Wissen, das man noch nicht weiss, z.B. wie genau eine Narkose funktioniert oder womit Katzen schnurren. Die Autoren begr\u00c3\u00bcnden ihre Motivation, ein solches Buch zu schreiben damit, dass das Unwissen spannender ist als das Wissen und bescheiden macht, da man auch mal zugeben muss, etwas nicht zu wissen. Es gibt also noch vieles, auf das es noch keine Antwort gibt.<\/p>\n<p>Kann man das auch auf die Unbildung \u00c3\u00bcbertragen? Ist sie vielleicht auch spannender als die Bildung selber? Eine schwierige Frage, die ich jedoch fast mit ja beantworten w\u00c3\u00bcrde.<\/p>\n<p>Doch kommen wir nochmals zur\u00c3\u00bcck auf das Wesen von Unbildung: Ist Unbildung das Gegenteil von Bildung, oder vielleicht auch ein bestimmter Teil von Bildung? Ich bin \u00c3\u00bcber einen anderen Beitrag von Thomas Buchheim gestolpert, in dem es um Bildungsbestrebungen geht, die man in zwei Typen unterscheiden kann. Vor allem der zweite Typ erscheint mir spannend:<\/p>\n<blockquote><p>Diesen zweiten Typ eines unartikulierten, unorganischen Bildungsstrebens karikiert ein Gedicht von Christian Morenstern mit dem Titel <em>Der Vergess<\/em>:<br \/>\nEr war voll Bildungshung, indes<br \/>\nsoviel er las<br \/>\nund Wissen a\u00c3\u0178,<br \/>\ner blieb zugelich ein Unverbess,<br \/>\nein Unver, sag ich als Vergess;<br \/>\nein Sieb aus Glas,<br \/>\nein Netz aus Gras,<br \/>\nein Vielfress &#8211;<br \/>\nund doch kein Haltefra\u00c3\u0178<\/p>\n<p>Wer viel aufnimmt, aber nichts bei sich beh\u00c3\u00a4lt und assimiliert, das heisst zu sich selbst macht und zu eigener Artikulation verwendet, der wird bei allem Hunger und Verzehr niemals gebildet, bleibt unverwandelt und damit eben ein \u00c2\u00abUnverbess\u00c2\u00bb. Deshalb ist es unerl\u00c3\u00a4sslich, den Faktor \u00c2\u00abLebenszeit\u00c2\u00bb im Auge zu behalten, dessen es bedarf, einen bloss \u00c2\u00abersurften\u00c2\u00bb Konsum von Angeboten f\u00c3\u00bcr Lernen und Ausbildung in echte Bildung zu verwandeln, die den Namen verdient. Das erfordert n\u00c3\u00a4mlich Auswahl, Widmung und Beschr\u00c3\u00a4nkung, die nicht im Reichtum der Angebote enthalten sein kann und f\u00c3\u00bcr die der Konsument am Bildschirm mit sich allein gelassen wird.<br \/>\n(Quelle: Buchheim, T. (2006). Lernen mit dem kleinen \u00c2\u00abe\u00c2\u00bb: Von Nutzen und Nachteil des E-Learning zur Bef\u00c3\u00b6rderung unserer Bildungsbem\u00c3\u00bchungen. In D. Miller (Hrsg.). eLearning &#8211; eine multiperspektivische Standortbestimmung. (S. 33\u00e2\u20ac\u201c36). Bern: Haupt Verlag)\u00e2\u20ac\u0153<\/p><\/blockquote>\n<p>Kann man also davon ausgehen, dass man bloss auf Vorrat gegoogelte Fakten als \u00c2\u00abUnbildung\u00c2\u00bb bezeichnen kann? Und sp\u00c3\u00a4testens hier kommt Liessmann mit ins Spiel, wenn er heutige (universit\u00c3\u00a4re) Bildung wie folgt kritisiert<\/p>\n<blockquote><p>\u00e2\u20ac\u017eNicht um Bildung geht es, sondern um ein Wissen, das wie ein Rohstoff produziert, gehandelt, gekauft, gemanagt und entsorgt werden soll, es geht \u00e2\u20ac\u201c sieht man von den Sonderprogrammen f\u00c3\u00bcr die neuen Wissenschaftseliten einmal ab \u00e2\u20ac\u201c um ein fl\u00c3\u00bcchtiges St\u00c3\u00bcckwerkwissen, das gerade reicht, um den Menschen f\u00c3\u00bcr den Arbeitsproze\u00c3\u0178 flexibel und f\u00c3\u00bcr die Unterhaltungsindustrie disponibel zu halten. (Liessmann, S. 53)<\/p><\/blockquote>\n<blockquote><p>Das Wissen der Wissensgesellschaft definiert sich vorab aus seiner Distanz zur traditionellen Sph\u00c3\u00a4re der Bildung; es gehorcht aber auch nicht mehr den Attit\u00c3\u00bcden der Halbbildung. Das, was sich im Wissen der Wissensgesellschaft realisiert, ist die selbstbewu\u00c3\u0178t gewordene Bildungslosigkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mit anderen Worten formuliert:<\/p>\n<blockquote><p>Ich sage in meiner \u00e2\u20ac\u017eTheorie der Unbildung\u00e2\u20ac\u0153 ja nicht, dass wir d\u00c3\u00bcmmer werden. Im Gegenteil: Das Wissen, \u00c3\u00bcber das wir verf\u00c3\u00bcgen k\u00c3\u00b6nnen, das wir teilweise auch in uns haben, ist immens. Es ist nur zusammenhanglos, wir schwimmen gewisserma\u00c3\u0178en im endlosen Datenozean. Was uns abhanden kommt ist das, was man etwas nostalgisch eine Idee von Bildung nennt, die eine normativ steuernde Funktion f\u00c3\u00bcr die Organisation dieses Wissens haben k\u00c3\u00b6nnte. Gleichzeitig haben wir das dumpfe Gef\u00c3\u00bchl, dass das Verstehen eines physikalischen Gesetzes oder die Kenntnis der Weltliteratur doch einen anderen Status hat als das Wissen \u00c3\u00bcber die j\u00c3\u00bcngste Liaison eines x-beliebigen Popstars \u00e2\u20ac\u201c obwohl das in den Wissensshows und in vielen Medien gleichrangig behandelt wird. In dem Moment, wo die synthetisierende und organisierende Kraft solch einer Bildungsidee abnimmt, werden wir unseren eigenen Wissensm\u00c3\u00b6glichkeiten gegen\u00c3\u00bcber ohnm\u00c3\u00a4chtig. Gerade angesichts der Unendlichkeit des Wissens, das uns im Prinzip zur Verf\u00c3\u00bcgung st\u00c3\u00bcnde, f\u00c3\u00bchlen wir uns ja auch extrem unwissend. <a href=\"http:\/\/www.misik.at\/die-grossen-interviews\/werden-wir-immer-dummer-herr-liessmann.php\" target=\"_blank\">(Quelle)<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Kann man diese Bildungslosigkeit bzw. das Nichtverstandene, Unverdaute, Ergoogelte als Unbildung bezeichnen?<\/p>\n<p>&#8230; to be continued &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nun habe ich einen Teil der Patenschaft f\u00c3\u00bcr das Wort \u00c2\u00abUnbildung\u00c2\u00bb \u00c3\u00bcbernommen. Patenschaften tragen immer eine hohe Verantwortung, und eine Wortpatenschaft zu \u00c3\u00bcbernehmen, heisst: \u00e2\u20ac\u0153Entwickeln Sie das Wort weiter, pflegen Sie es, h\u00c3\u00bcten Sie es vor Mi\u00c3\u0178brauch oder Verdr\u00c3\u00a4ngung! 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