{"id":556,"date":"2007-10-14T23:03:44","date_gmt":"2007-10-14T21:03:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mandyschiefner.ch\/blog\/archives\/1077"},"modified":"2007-10-14T23:03:44","modified_gmt":"2007-10-14T21:03:44","slug":"qualitatssicherung-durch-leistungsvergleiche-und-bildungsstandards","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2headz.ch\/blog\/qualitatssicherung-durch-leistungsvergleiche-und-bildungsstandards\/","title":{"rendered":"Qualit&#228;tssicherung durch Leistungsvergleiche und Bildungsstandards?"},"content":{"rendered":"<p>Am Freitag hat Prof. Dr. Klaus-J\u00c3\u00bcrgen Tillmann, Universit\u00c3\u00a4t Bielefeld, wiss. Leiter der Laborschule Bielefeld an der Universit\u00c3\u00a4t Z\u00c3\u00bcrich einen Vortrag zu Thema \u00c2\u00abQualit\u00c3\u00a4tssicherung durch Leistungsvergleiche und Bildungsstandards?<br \/>\nKritische Anmerkungen zum bildungspolitischen Zeitgeist\u00c2\u00bb gehalten. Wie gewohnt verkn\u00c3\u00bcpfte er dabei p\u00c3\u00a4dagogisches Wissen mit der systemischen Perspektive auf das politische Handlungsfeld.<\/p>\n<p>Direkt am Anfang warf Prof. Tillmann ausgehend von der aktuellen Tendenz in der Bildungslandschaft die Frage auf, ob Bildungsprozesse \u00c3\u00bcberhaupt steuerbar seinen. Im Moment findet ein Paradigmenwechsel von der Input- zur Outputorientierung statt, die im Gegensatz zur bisherigen Hierarchiesteuerung durch die Kultusministerien stehe. Standards gelten im Moment als Lebensretter, als Zauberformel (Zitat Oelkers). Seine Kritik kam mit folgendem Zitat zum Vorschein: \u00c2\u00abBildungsprozesse kann man nicht steuern, h\u00c3\u00b6chstens segeln\u00c2\u00bb.<\/p>\n<p>Illustriert hat er die Ver\u00c3\u00a4nderungen an der Pisa-Studie. Pisa ist eine Erfassung des IST-Zustandes und kann keinerlei Aussagen \u00c3\u00bcber die Ursachen machen und auch nicht als Massnahmenkatalog fungieren. Es ist eine sog. R\u00c3\u00b6ntgenaufnahme und kein Handlungsplan. Politiker sind aber von jeher auf schnelle Entscheidungen und Handlungen angewiesen. Eine Wirkungsanalyse ben\u00c3\u00b6tigt aber Zeit, und die haben Politiker meist nicht. Die Einf\u00c3\u00bchrung der 7 Handlungsfelder der KMK, die sie nach den Pisa-Ergebnissen mit einer f\u00c3\u00bcr die KMK unglaublichen Schnelligkeit verabschiedet haben war nach Tillmann die Reaktion, die von der KMK kommen musst, um deren Handlungsabsichten zu verdeutlichen. Die Handlungsfelder sind im Einzelnen:<\/p>\n<ul>\n<li> Handlungsfeld 1: Ma\u00c3\u0178nahmen zur Verbesserung der Sprachkompetenz bereits im vorschulischen Bereich<\/li>\n<li> Handlungsfeld 2: Ma\u00c3\u0178nahmen zur besseren Verzahnung von vorschulischem Bereich und Grundschule mit dem Ziel einer fr\u00c3\u00bchzeitigen Einschulung<\/li>\n<li> Handlungsfeld 3: Ma\u00c3\u0178nahmen zur Verbesserung der Grundschulbildung und durchg\u00c3\u00a4ngige Verbesserung der Lesekompetenz und des grundlegenden Verst\u00c3\u00a4ndnisses mathematischer und naturwissenschaftlicher Zusammenh\u00c3\u00a4nge<\/li>\n<li> Handlungsfeld 4: Ma\u00c3\u0178nahmen zur wirksamen F\u00c3\u00b6rderung bildungsbenachteiligter Kinder, insbesondere auch der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund<\/li>\n<li> Handlungsfeld 5: Ma\u00c3\u0178nahme zur konsequenten Weiterentwicklung und Sicherung der Qualit\u00c3\u00a4t von Unterricht und Schule auf der Grundlage von verbindlichen Standards sowie einer ergebnisorientierten Evaluation<\/li>\n<li> Handlungsfeld 6: Ma\u00c3\u0178nahmen zur Verbesserung der Professionalit\u00c3\u00a4t der Lehrert\u00c3\u00a4tigkeit, insbesondere im Hinblick auf die diagnostische und methodische Kompetenz als Bestandteil systematischer Schulentwicklung<\/li>\n<li> Handlungsfeld 7: Ma\u00c3\u0178nahmen zum Ausbau von schulischen und au\u00c3\u0178erschulischen Ganztagsangeboten mit dem Ziel erweiterter Bildungs- und F\u00c3\u00b6rderm\u00c3\u00b6glichkeiten, insbesondere f\u00c3\u00bcr Sch\u00c3\u00bclerinnen und Sch\u00c3\u00bcler mit Bildungsdefiziten und besonderen Begabungen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Das Ziel von Bildungsstandards war es, den Erwerb von Basisqualifikationen (vor allem fachliche Kompetenzen) der Sch\u00c3\u00bclerinnen und Sch\u00c3\u00bclern zu erh\u00c3\u00b6hen. Abgeleitet wurde diese Massnahme vor allem von ausl\u00c3\u00a4ndischen Studien.<br \/>\nDie 7 Handlungsfelder machen keine Aussage \u00c3\u00bcber zu \u00c3\u00a4ndernde Strukturen, und keine Aussagen zur Selektivit\u00c3\u00a4t des Schulsystems. Von der Umsetzung der meisten Handlungsfelder h\u00c3\u00b6rt man sehr wenig, die gr\u00c3\u00b6sste Umsetzung hat das Handlungsfeld 5 erfahren.<br \/>\nErstaunlich ist zum einen, dass es das Handlungsfeld 5 (Bildungsstandards) in allen 16 Bundesl\u00c3\u00a4ndern der Bundesrepublik Deutschland gibt. Zum zweiten ist die Schnelligkeit der Umsetzung erstaunlich. Im Gegensatz zur Lehrerschaft war die Stimmung in der \u00c3\u2013ffentlichkeit auf die Bildungsstandards durchweg positiv.<br \/>\nDoch nun zur Kritik am Handlungsfeld No. 5:<\/p>\n<ol>\n<li> Dominanz der Standardentwicklung: Erstaunlicherweise hat sich die KMK sehr schnell f\u00c3\u00bcr jedes der drei bzw. vier F\u00c3\u00a4cher Bildungsstandards entwickelt. Allerdings gibt es keine Vielfalt, und Lehr-Lerngelegenheiten, die durch die Entwicklung von Standards intendiert waren, kommen viel zu kurz. Bei der jetzigen Umsetzung von Standards handelt es sich um eine reine Me\u00c3\u0178angelegenheit, ohne die Chancen der F\u00c3\u00b6rderung (vor allem schw\u00c3\u00a4cherer Sch\u00c3\u00bclerinnen und Sch\u00c3\u00bcler zu ber\u00c3\u00bccksichtigen. Die meisten der zentralen Pr\u00c3\u00bcfungen finden auch noch an neuralgischen \u00c3\u0153bergangspunkten in der Bildungsbiografie statt und werden zum Teil dazu benutzt, die Selektion zu legitimieren. Die hohe Popularit\u00c3\u00a4t der Standardentwicklung f\u00c3\u00bchrt Tillmann auf die im Vergleich mit anderen Massnahmen geringeren Kosten zur\u00c3\u00bcck.<\/li>\n<li> Abschlussbezogene Regelstandards statt Mindeststandards: in der Klieme-Kommission wurde ausdr\u00c3\u00bccklich a) die Einf\u00c3\u00bchrung von Mindeststandards und b) eine Unabh\u00c3\u00a4ngigkeit von Phasen der Selektionsentscheidung (also nach der 4., 9. und 10. Klasse) empfohlen. Beide Punkte wurden nicht umgesetzt. Die Bildungsstandards sollten eigentlich Lernprozesse f\u00c3\u00b6rdern und Selektion verhindern, statt Leistungen zu beurteilen. Von dieser Forderung ist wenig \u00c3\u00bcbrig geblieben.<\/li>\n<li>Reduktion auf vier F\u00c3\u00a4cher (Deutsch, Mathematik, erste Fremdsprache und Naturwissenschaft): dieser p\u00c3\u00a4dagogische Reduktionismus ist vor allem aus bildungstheoretischer Sicht ein sehr enger Bereich an Kompetenzen. Zudem stehen Leistungsanforderungen im Vordergrund, die drohen, zu einer alleinigen Bewertungsmassnahme von schulischer Arbeit zu werden, und somit ausserschulisches Engagement und auch \u00c3\u00bcberfachliche Kompetenzen v\u00c3\u00b6llig vernachl\u00c3\u00a4ssigen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Zusammenfassend kam Tillmann nochmals auf seine eingangs gestellte Frage zur\u00c3\u00bcck: Kann man Bildungssysteme steuern? Seine Antwort darauf lautet: JEIN:<br \/>\nMit Standards werden verschiedene Erwartungen geweckt: Durch diese sollen die Kernpunkte des Faches, sog. Basiskompetenzen gesichert werden, \u00c3\u00bcber die jede Sch\u00c3\u00bclerin und jeder Sch\u00c3\u00bcler verf\u00c3\u00bcgen sollte. Leistungen k\u00c3\u00b6nnen somit vergleichbar bewertet werden und Ausgangspunkt f\u00c3\u00bcr Schul- und Unterrichtsentwicklung sein, zur Reflexion der eigenen Praxis dienen. Dies ist allerdings abh\u00c3\u00a4ngig von den Strukturen an den Schulen: steht eher ein Coaching und eine F\u00c3\u00b6rderung im Vordergrund, oder geht es um die Umsetzung direktiver Massnahmen durch die Standardisierung. Somit k\u00c3\u00b6nnen Standards in der Bildung Chance und Risiko sein, je nach Ausrichtung und Massnahme.<\/p>\n<p>Ich bin ein wenig zwiegespalten zwischen einerseits der Kritik an der Standardisierung von Bildung, auf der anderen Seite der Legitimation schulischer Freiheit, damit keine\/r zur\u00c3\u00bcckbleibt. F\u00c3\u00bcr die Offenheit der Schulen und der relativen Unabh\u00c3\u00a4ngigkeit von den Kultusministerien m\u00c3\u00bcssen als einzige Legitimationskontrolle Standards stehen, die jede Schule erreichen muss, um die Qualit\u00c3\u00a4t von Bildung zu sichern. Allerdings birgt die Reduktion auf drei oder vier F\u00c3\u00a4cher meines erachtens nach Risiken, vor allem beim zugrundelegen eines ganzheitlichen Bildungsbegriffs und auch vor dem Hintergrund des Erwerbs von sog. \u00c3\u00bcberfachlichen Kompetenzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Freitag hat Prof. Dr. Klaus-J\u00c3\u00bcrgen Tillmann, Universit\u00c3\u00a4t Bielefeld, wiss. Leiter der Laborschule Bielefeld an der Universit\u00c3\u00a4t Z\u00c3\u00bcrich einen Vortrag zu Thema \u00c2\u00abQualit\u00c3\u00a4tssicherung durch Leistungsvergleiche und Bildungsstandards? Kritische Anmerkungen zum bildungspolitischen Zeitgeist\u00c2\u00bb gehalten. Wie gewohnt verkn\u00c3\u00bcpfte er dabei p\u00c3\u00a4dagogisches Wissen mit der systemischen Perspektive auf das politische Handlungsfeld. 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