{"id":852,"date":"2009-06-09T23:09:08","date_gmt":"2009-06-09T21:09:08","guid":{"rendered":"http:\/\/2headz.ch\/blog\/?p=852"},"modified":"2009-06-10T09:00:21","modified_gmt":"2009-06-10T07:00:21","slug":"forschendes-lernen-meets-bologna-lehr-oder-leerformel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/2headz.ch\/blog\/forschendes-lernen-meets-bologna-lehr-oder-leerformel\/","title":{"rendered":"Forschendes Lernen meets Bologna: Lehr- oder Leerformel?"},"content":{"rendered":"<p>Oft f\u00c3\u00a4llt auf, dass Hochschuldidaktik und E-Learning wenig miteinander zu tun haben: es gibt nur wenige Personen, die in beiden Communities zuhause sind, meist existiert man nebeneinander her. <a href=\"http:\/\/gabi-reinmann.de\/?p=1101\" target=\"_blank\">Gabi Reinmann<\/a> hat nun an einem genuin hochschuldidaktischem Thema, dem Forschenden Lernen, gezeigt, wie wenig sich eigentlich in den letzten Jahren (und dabei sind nicht nur 2-3, sondern sage und schreibe 40! Jahre gemeint) ver\u00c3\u00a4ndert hat.<\/p>\n<p>Ausgehend von <em>dem<\/em> Grundlagendokument der Hochschuldidaktik, der Expertise der Bundesassistentenkonferenz aus dem Jahr 1970 arbeitet sie Prinzipien und Anspr\u00c3\u00bcche heraus und fragt sich, wie diese bis heute umgesetzt wurden bzw. was heutige Anspr\u00c3\u00bcche sind. Und wie so oft (auch Beat weisst ja \u00c3\u00b6fter auf die Tatsache hin, z.B. <a href=\"http:\/\/wiki.doebe.li\/Beat\/NeueTechnologienRechtzeitigIndieSchule\" target=\"_blank\">hier<\/a>), sind die &#8222;alten&#8220; Dokumente immer noch sehr aktuell.<\/p>\n<p>Spannend aus meiner Sicht sind vor allem folgende Gedanken, die es weiter zu denken gilt:<\/p>\n<blockquote><p>&#8211; Fertigkeiten zur raschen und sicheren Recherche und Bewertung von Information sowie Pr\u00c3\u00a4sentations- und Publikationstechniken scheinen in Zielkatalogen [heute] dominanter als Kritikf\u00c3\u00a4higkeit und kritische Distanz  [1970] . Wissenschaftstheoretische Reflexionen w\u00c3\u00a4hrend des gesamten Studiums, wie man sie 1970 noch gefordert hat, sind l\u00c3\u00a4ngst dem engen Zeitdiktat der neuen Studieng\u00c3\u00a4nge zum Opfer gefallen. Schl\u00c3\u00bcsselkompetenzen mit unmittelbarer Praxistauglichkeit sind f\u00c3\u00bcr Studierende und potenzielle Arbeitgeber attraktiver. (S. 3)<\/p>\n<p>&#8211; Gro\u00c3\u0178artige theoretische Neuerungen zum forschenden Lernen haben wir Zuge der Digitalisierung bis heute eher nicht vorzuweisen. Ein Umbenennen in \u00e2\u20ac\u017einquiry learning\u00e2\u20ac\u0153 und der Vorschlag, dieses in Online Communities zu praktizieren, mag das Interesse am forschenden Lernen befl\u00c3\u00bcgelt haben. Innovative didaktische Szenarien aber sind daraus nicht hervorgegangen. (S. 5)<\/p>\n<p>&#8211; Die alten Dilemmata aber haben auch die digitalen Technologien bis heute nicht aufl\u00c3\u00b6sen k\u00c3\u00b6nnen: Sobald man z.B. E-Portfolios als individualisierte Pr\u00c3\u00bcfung mit Rechtsfolgen einsetzen will, explodiert der Aufwand f\u00c3\u00bcr deren Beurteilung. Interaktive Lernwelten als handlungsorientierte Abschlusspr\u00c3\u00bcfung scheitern am unermesslich hohen Aufwand f\u00c3\u00bcr deren Erstellung. Die digital einfache Integration von Peer-Bewertungen erzeugt einen zu hohen Kontrollaufwand seitens des Lehrenden. Ob mit oder ohne digitale Medien dreht man sich hier im Kreis undste L\u00c3\u00b6sung: das technologiebasierte Testen. (S. 10)<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Frage, die mit dem Postulat des forschenden Lernens f\u00c3\u00bcr mich einhergeht ist die der Kompetenzen der Dozierenden und Studierenden und der Ziele von Hochschullehre. Gabi hat es in ihrem Vortrag kurz angerissen: verf\u00c3\u00bcgen Dozierende und Studierende \u00c3\u00bcberhaupt \u00c3\u00bcber die F\u00c3\u00a4higkeit, forschend zu lernen? Denn, was heisst denn diese Forschungorientierung? Heisst das einfach, dass Studierende Teiluntersuchungen f\u00c3\u00bcr den Dozenten durchf\u00c3\u00bchren? Heisst das einfach, selbstbestimmtes Lernen zu erh\u00c3\u00b6hen und ide Eigenverantwortung der Studierenden zu betonen? Wie m\u00c3\u00bcssen Studierende (und auch Dozierende) in diese Methodik eingef\u00c3\u00bchrt werden? Denn: Hochschullehrer allein zu sein sagt noch nichts \u00c3\u00bcber die Kompetenzen aus, forschendes Lernen zu integrieren: das geschieht meist sehr intuitiv und wenig reflektiert.<br \/>\nUnd vor allem stellt sich pointiert die Frage: ist dies eine Lernform und Aufgabe der Hochschule, die erst auf Doktoratsstufe einsetzt? Denn im Zuge der Bologna-Reform ist in der Tat zu fragen, ob man im Rahmen der Employability evtl. andere Kompetenzen als diejenigen braucht, die im Rahmen des forschenden Lernens erworben werden? Die grosse Frage ist f\u00c3\u00bcr mich, wie man die unterschiedlichen Ziele universit\u00c3\u00a4rer Bildung (zum einen Arbeitsmarktorientierung, zum anderen Bildung) im Forschenden Lernen zusammen bringen kann. Nicht dass man mich falsch versteht: ich bin der Meinung, dass es geht, denn die Kompetenzen hinter dem forschenden Lernen sind auch f\u00c3\u00bcr potenzielle Arbeitgeber wichtig. Von daher ist von einer Integration forschenden Lernens erst auf h\u00c3\u00b6heren Stufen der Universit\u00c3\u00a4t aus meiner Sicht abzuraten und schon fr\u00c3\u00bch mit einzelnen Elementen zu beginnen. Dennoch besteht beim forschenden Lernen auch die &#8222;Gefahr&#8220;, dass es anstatt zur \u00c2\u00abLehrformel\u00c2\u00bb zur \u00c2\u00abLeerformel\u00c2\u00bb wird, wenn es auf der einen Seite erst ab bestimmten Stufen eingesetzt wird und auf der anderen Seite wenig hinterfragt einfach postuliert wird, nach dem Motto: &#8222;Alles Lernen, das an Hochschulen stattfindet, ist per se forschendes Lernen&#8220;.<\/p>\n<p>Dennoch bleibt die Hauptfrage bestehen: Warum gelingen Ver\u00c3\u00a4nderungen in diesem Bereich nicht? Warum lesen sich Dokumente, die 40 Jahre alt sind ebenso aktuell wie heute? Warum bedeuten didaktische und hochschulpolitische Neuerungen oft Syssiphusarbeit? Eine wirkliche Antwort darauf habe ich leider auch nicht.<\/p>\n<p>Besonders traurig und nachdenkenswert finde ich aber, dass mittlerweile Bologna auch bei denjenigen Hochschullehrenden, die das Thema sehr kreativ angegangen sind und nicht gleich aufgeschrien haben, ein Umdenken erzeugt:<\/p>\n<blockquote><p>Ich muss mein Urteil \u00c3\u00bcber Bologna revidieren. Ich habe den Schub zur subtilen \u00c3\u2013konomisierung untersch\u00c3\u00a4tzt, der damit einhergeht \u00e2\u20ac\u201c flankiert von<br \/>\nExzellenz-Initiativen, Wettbewerben und Kongressen, in deren Einladungen man unverbl\u00c3\u00bcmt behauptet \u00e2\u20ac\u201c ich zitiere: \u00e2\u20ac\u017eKonzepte, die sich in der Wirtschaft bew\u00c3\u00a4hren, n\u00c3\u00bctzen auch den Hochschulen \u00e2\u20ac\u201c angefangen von der strategischen Zielfindung \u00c3\u00bcber Prozessanalyse bis zur Detailsteuerung.\u00e2\u20ac\u0153 Die Detailsteuerung ist auch in der Lehre angekommen und damit dort, wo wir als Bildungswissenschaftler unsere Kernaufgaben haben. In der Lehre bauen genau diese Steuerungsintentionen aus anderen Systemen auf v\u00c3\u00b6llig falschen Annahmen auf und f\u00c3\u00bchren zu inakzeptablen Folgen. (S. 11)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das gesamte Referat findet man ausformuliert <a href=\"http:\/\/gabi-reinmann.de\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/vortrag_hamburg_juni09.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a> und die Folien zum besseren Verst\u00c3\u00a4ndnis der Gegen\u00c3\u00bcberstellungen <a href=\"http:\/\/gabi-reinmann.de\/wp-content\/uploads\/2009\/06\/vortrag_hamburg_juni091.pdf\" target=\"_blank\">hier<\/a>. Und das mms zeichnet den Vortrag immer auf, d.h. demn\u00c3\u00a4chst m\u00c3\u00bcsste es <a href=\"http:\/\/mms.uni-hamburg.de\/blogs\/medien-bildung\/2009\/03\/31\/kontrolle-und-selbstkontrolle-in-bildungszusammenhangen\/\" target=\"_blank\">hier<\/a> auch die Aufzeichnung des Vortrages geben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oft f\u00c3\u00a4llt auf, dass Hochschuldidaktik und E-Learning wenig miteinander zu tun haben: es gibt nur wenige Personen, die in beiden Communities zuhause sind, meist existiert man nebeneinander her. 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