Tagung | Partizipation und Social Web – Die Macht der Vielen?

Am Mittwoch war ich auf den 38. Stuttgarter Tagen der Medienpädagogik eingeladen. Unter dem Tagungsmotto „Partizipation und Social Web – Die Macht der Vielen?“ stand vor allem die Frage nach Partizipation mit und im Social Web im Vordergrund (Programm).

Eingeführt wurde die Tagung von Ramón Reichert zum Thema Partizipation 2.0 - Gesellschaft, Individium und Bildung im Zeitalter der digitalen Vernetzungskultur. Sehr gut ging er nochmals auf die Veränderungen ein, die sich mit dem sozialen Web ergeben haben, z.B. hinsichtlich der Raumverhältnisse: Während die 1990er Jahr noch von Anonymität im anderen, virtuellen Raum gekennzeichnet waren, geht es heute um den gleichen Raum und um das Verschwimmen von Welten von off- und online; von der Generation YOU zur Generation ME. Aber auch Veränderung von kulturellen Handlungen, wie er z.B. an diesem Video zeigte. Interessant war sein Hinweis auf die Selfie-Kultur und die damit verbundenen Bildrepertoires, in denen vor allem weibliche Allegorien verwendet werden, die moralisierend, die weibliche Selbstgefälligkeit darstellen - laut Ramón Reichert ein pars pro toto für eine gesamte Generation. Als Grundlage für einige seiner Überlegungen diente der Roman The Circle von Dave Eggers. Neben dem moralischen Imperativ der Partizipation macht er auch Veränderungen im Verschwinden von Autor und Werk durch das Entstehen kollektiver Bildarchive (Selfie-Bilder vor Sehenswürdigkeiten beispielsweise) deutlich. Weitere Themen waren die Visibilität und digitale Arbeit am Selbst, die entstehende digitale Vermessung und digitale Überwachung (am Beispiel Internet Eye oder Crime Hotspots). Alles in allem nochmals ein großer Überblick über Möglichkeiten, vor allem aber Schwierigkeiten der Partizipation im Social Web.

Im Anschluss daran lag meine Aufgabe darin zu fragen, was dies alles nun für die Medienpädagogik bedeutet. Mein Vortrag Partizipation im und mit dem Social Web- Herausforderung an die Medienpädagogik (Folien hier) fragte daher die pädagogischen Möglichkeiten, aber auch Grenzen im Social Web. Gefragt habe ich mich, welche Chancen und Herausforderungen Partizipation im und mit dem Social Web für die Entwicklung von Subjekten und im Anschluss daran für (medien-)pädagogisches Handeln birgt und wie medienpädagogische Angebote in und mit sozialen Medien gestaltet werden müssen und wo  Grenzen dieser Angebote liegen. Als Aufgabenfelder für die Medienpädagogik betonte ich dann vor allem

  • Strukturen schaffen: Zugangs- und Beteiligungsmöglichkeiten
  • Subjekte befähigen: Kinder & Jugendliche, Benachteiligte, Pädagogen und Entscheider_innen
  • Modi klären: Anerkennen alternativer Handlungspraktiken und informellem Lernen

Herausfordernd ist aus meiner Sicht dabei vor allem die Verschiebung von pädagogischen (Bildungs-)Angeboten hin zu Aneignungsprozessen, der Umgang mit verschiedenen Spannungsfeldern (z.B. zwischen Selbstbestimmung & Pädagogik, Transparenz & Kontrolle, Datenschutz/Ökonomisierung & pädagogischem Handeln) und der Umsetzung „echter“ Partizipation vor allem in (Bildungs-)Institutionen, verbunden mit Fragen von Offenheit und Kontrolle. Wichtig war es mir vor allem, Potenziale, aber auch Ambivalenzen, Spannungsfelder und Grenzen für (medien-)pädagogisches Handeln sichtbar machen und zu fragen, welche Folgen eine konsequente Anerkennung sozialer Handlungspraktiken im Netz für medienpädagogische Arbeit hat, um auch hier Denkräume zu öffnen und über Alternativen nachzudenken. Genau darüber bin ich mit mehreren Teilnehmenden nach meinem Vortrag ins Gespräch gekommen.

Alles in allem war die Tagung in Stuttgart für mich insofern interessant, da sie sich differenziert mit Chancen, aber auch mit Herausforderungen von Partizipation im Social Web auseinander gesetzt hat.

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